Politik : Die Türkei hat einen Platz im Gepäckwagen des Zuges nach Europa - mehr nicht

Thomas Seibert

So groß der Jubel in der Türkei nach der Anerkennung als EU-Beitrittskandidatin war, so verfrüht war er. "Wir sind in Europa", lautete die verfehlteste Zeitungsschlagzeile - denn die Türkei ist auch nach Helsinki kaum näher an der Vollmitgliedschaft als zuvor. Mit der Anerkennung ihrer Kandidatur hat Ankara von den Europäern praktisch nur die Bestätigung bekommen, dass eine spätere Mitgliedschaft nicht völlig ausgeschlossen ist; mehr ist aber nicht geschehen. Wie schon nach dem Luxemburger EU-Gipfel vor zwei Jahren sitzt die Türkei auch weiterhin im Gepäckwagen des Zuges nach Europa. Während die EU nun Beitrittsverhandlungen mit allen anderen zwölf Bewerberländern führt, gibt es für die Türkei nicht einmal ein Datum für den Beginn solcher Gespräche - oder auch nur die Gewissheit, dass es sie jemals geben wird. Denn beide Seiten wissen, dass die Türkei noch einen weiten Weg zu gehen hat, bevor eine EU-Mitgliedschaft überhaupt nur spruchreif wird - von weitreichenden politischen Reformen bis hin zur Bezwingung der horrenden Inflation. Und selbst wenn dann eines Tages einmal der Beitritt auf die Tagesordnung kommen sollte, würde die Türkei noch jahrzehntelang kein Vollmitglied wie jedes andere. Denn die Türkei hatte schon vor Jahren zugesichert, dass sie bei einer Aufnahme in die EU zumindest noch eine Generation lang auf die für alle anderen Mitglieder selbstverständliche Freizügigkeit und freie Arbeitsplatzwahl für ihre Bürger verzichten würde.

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