• „Die Türkei ist kein Baustein für Europa“ Bischof Wolfgang Huber über den Dialog mit dem Islam und seine Abneigung gegen einen EU-Beitritt Ankaras

Politik : „Die Türkei ist kein Baustein für Europa“ Bischof Wolfgang Huber über den Dialog mit dem Islam und seine Abneigung gegen einen EU-Beitritt Ankaras

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Am zweiten Weihnachtstag passierte in Asien die verheerende Flutkatastrophe: Was waren Ihre ersten Gedanken, was war Ihre erste Reaktion?

Es war eine doppelte Reaktion. Ich war erschüttert über das Leiden und den Tod so vieler Menschen, die so plötzlich und ausweglos Opfer dieser Naturkatastrophe wurden. Und zugleich habe ich darum gebetet, dass möglichst viele Menschen doch noch lebend gefunden werden.

Was haben Sie persönlich empfunden?

Ich habe die Nachricht zu Hause erhalten. Mein Gebet an diesem Tag galt den betroffenen Menschen, den Verstorbenen und ihren Angehörigen. Bald danach habe ich zur Hilfe für die Opfer aufgerufen.

Sie haben bei Ihrer Traueransprache im Berliner Dom an die Worte Jesu am Kreuz erinnert: „Mein Gott, mein Gott, warum hast Du mich verlassen?“ Wo war Gott in Asien?

Wir hoffen und vertrauen darauf, dass Gott auch in einem solchen Leiden bei den Menschen ist. Gleichzeitig erleben wir in einem solchen Geschehen, dass Gott verborgen ist, dass er sich uns entzieht. Es ist nach einer solchen Katastrophe sehr schwer, die Verlassenheit von Gott und die Gewissheit der Nähe Gottes bei den Menschen zusammenzuhalten.

Was haben Sie Menschen gesagt, die nicht an Gott glauben?

Ich habe versucht, mit ihnen Trauer und Ratlosigkeit auszuhalten. Ich habe ihnen gesagt, dass ich als Christ mich in einer solchen Situation an Jesus wende, der selber Leiden auf sich genommen hat. Ich bin fest davon überzeugt, dass Gott nicht das Leiden und den gewaltsamen Tod will. Für uns als Christen gilt, dass Gott das Leben will und nicht den Tod.

Warum wurde zu dem Gedenkgottesdienst im Berliner Dom nicht auch ein muslimischer Geistlicher eingeladen? Schließlich waren die meisten Opfer der Katastrophe Muslime…

Wir haben in ökumenischer Gemeinschaft einen christlichen Gottesdienst gefeiert. Ein interreligiöser Gottesdienst war nicht im Gespräch. Die Voraussetzungen für ihn sind auch nicht gegeben. Aber unsere Fürbitte galt allen Opfern in gleicher Weise. Und Vertreter des Islam waren selbstverständlich eingeladen und haben auch teilgenommen.

Im Dialog mit dem Islam in Deutschland schlagen Sie einen ziemlich scharfen Ton an. Sie werfen den Muslimen in Deutschland vor, sich nicht entschieden genug von Terrorakten zu distanzieren. Sie haben gesagt, die Schönwetterperiode der Integration liege hinter uns. Und Sie plädieren für einen Dialog ohne Tabus. Was treibt Sie um?

Ich finde es nicht richtig, mein Bemühen um Deutlichkeit als Schärfe zu bezeichnen. Ich bin für Klarheit in dem, was uns verbindet. Und ich bin für Deutlichkeit in dem, was uns trennt. Das dient der Integration mehr als eine Haltung, die Unterschiede verharmlost und schwierige Fragen verschweigt. Denn unter dieser Decke des Schweigens hat sich ein Unbehagen in der Gesellschaft eingenistet, das sich nach dem 11. September und nach dem Mord an dem Filmemacher Theo van Gogh nun eruptiv Ausdruck verschafft. Das ist meine Hauptsorge.

Wenn Sie die Muslime in Deutschland anschauen, was ist Ihr Unbehagen?

Es geht nicht um mein Unbehagen, sondern um das Unbehagen in der Gesellschaft. Und das bezieht sich auf Terrorakte, Gewalttätigkeiten oder die Verflechtung von Religion und Staat in den islamischen Ländern. Das wirkt auch auf unsere Gesellschaft zurück und hat negative Auswirkungen auf die weitere Integration muslimischer Mitbürgerinnen und Mitbürger. Ich bin davon überzeugt, dass die Mehrheit der Muslime in Deutschland gesetzeskonform leben will. Darum halte ich einen Generalverdacht gegenüber den Muslimen für unbegründet und ungerecht. Aber es gibt extremistische Strömungen, die auch in Deutschland auf lange Frist einen islamischen Staat anstreben.

Sie haben sich am Dienstag mit Vertretern muslimischer Spitzenverbände getroffen. Das nächste Treffen soll erst in einem Jahr stattfinden. Warum erst dann?

Es muss in Zukunft einen regelmäßigen Gesprächskontakt zwischen den islamischen Verbänden und den christlichen Kirchen geben. Er soll sich in dichterer Folge konkreten Einzelthemen widmen; der Jahresrhythmus ist für Gespräche mit den Vorsitzenden der muslimischen Verbände vorgesehen. Das Gespräch soll auch die Muslime ermutigen, angesichts der Pluralität des Islam die innerislamische Diskussion voranzutreiben.

Würden Sie einen Beitritt der Türkei in die EU begrüßen?

Zum jetzigen Zeitpunkt nicht. Innerhalb des vorgesehenen Verhandlungszeitraums müssen viele Fragen geklärt werden. Alle Wahrscheinlichkeit spricht dafür, dass sich eine EU mit der Türkei als Mitglied eher zu einer Freihandelszone entwickelt. Wir haben jedoch inzwischen einen europäischen Verfassungsvertrag, der sich mit einem christlich geprägten Menschenbild verbindet. Die damit angestrebte Vertiefung der Europäischen Union setzt voraus, dass die kulturelle Zusammengehörigkeit und Identität Europas gestärkt wird. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Beitritt der Türkei für dieses künftige Europa ein Baustein sein könnte.

Wo sehen Sie die Defizite in der Türkei?

Die Liste der Defizite im Bereich der Religionsfreiheit, der Gleichstellung von Mann und Frau oder der Minderheitenrechte ist beachtlich. Besonders bedrückt mich, dass man in der Türkei nicht offen über den Völkermord an den Armeniern sprechen darf. Das ist unter Strafe gestellt. Es gibt also im Bereich der Menschenrechte noch sehr viele Themen, die dringend der Klärung bedürfen.

Sie haben als Bischof von Berlin-Brandenburg bereits vor einem Jahrzehnt Reformen eingeleitet, um die Finanzen in Ordnung zu bringen. Damit haben Sie schon sehr früh mit dem Sparen begonnen - anders als andere evangelische Landeskirchen und anders als viele katholische Bistümer. Mit welchem Erfolg?

Ich habe diese Schritte nicht alleine eingeleitet, denn wir sind eine synodal verfasste Kirche. Wir haben die Sparbeschlüsse gemeinschaftlich gefasst – und zwar so rechtzeitig wie wir konnten – und verantworten ihre Umsetzung gemeinsam. Das war nicht nur in unserer Landeskirche so, viele andere evangelische Landeskirchen haben das in vergleichbarer Weise getan. Darum finde ich das Urteil im Tagesspiegel vom 29. Dezember über unsere Kirche im Blick auf diese sehr einschneidenden Bemühungen in einer bedrückenden Weise ungerecht (Huber bezieht sich hier auf ein Editorial, dass sich kritisch mit der finanziellen Lage der Kirchen befasste, d. Red.)

In der Nordelbischen Kirche wird immerhin darüber diskutiert, den Bischofssitz Schleswig zu schließen, einen Bischofssitz mit einer über 1000-jährigen Tradition. Ist dort nichts schief gelaufen?

In der Tat muss die Nordelbische Kirche jetzt besonders einschneidende Schritte tun. Aber man kann nicht sagen, dass sie die ganze Zeit vorher geschlafen hat. Bei Einschnitten dieser Art muss natürlich auch überlegt werden, auf der Leitungsebene zu kürzen. Wir haben das bereits Mitte der neunziger Jahre konsequent getan. Mich empört es deshalb, wenn in Ihrer Zeitung das falsche Bild verbreitet wird, die evangelische Kirche habe einen Verwaltungswasserkopf, der sich verselbstständigt hat – ohne Rücksicht auf das, was in den Gemeinden geschieht.

Geht also in Ihren Augen die evangelische Kirche mit der aktuellen Haushaltskrise besser um als die katholische Kirche?

Einen solchen Vergleich stelle ich nicht an. Die katholische Kirche behandelt ihr Vermögen und ihre Haushalte anders als wir. In meinen Augen ist es schon deshalb unangemessen und ungerecht, die heutige Situation von katholischer und evangelischer Kirche einfach gleichzusetzen.

Die Kirche hat im Kern einen seelsorgerischen Auftrag. Ist nicht inzwischen ein Punkt erreicht, wo dieser Auftrag gefährdet ist?

Diesen Punkt haben wir nicht erst jetzt erreicht. Wir mussten in Berlin-Brandenburg vor zehn Jahren als eine der ersten Maßnahmen drastische Einschnitte im Bereich der Krankenhausseelsorge vornehmen. Dieser Einschnitt hat mich bis in die Nächte hinein verfolgt, gerade weil die in unserer evangelischen Kirche Mitarbeitenden ihre Aufgaben professionell und mit hohem Engagement wahrnehmen. Es stimmt schlechterdings nicht, wie im Tagesspiegel zu lesen war, dass die Kirche viel zu viele faule und unfähige Mitarbeiter beschäftigt und es versäumt hat, sich rechtzeitig von ihnen zu trennen.

Der langjährige Generalvikar des katholischen Erzbistums Köln, Norbert Feldhoff, sieht das anders. Er hat mit Blick auf die 480 000 Mitarbeiter der Caritas gesagt: „Wir haben ein Problem mit der Intention und Motivation vieler Mitarbeiter im caritativen Dienst.“ Was läuft denn hier in der evangelischen Kirche besser?

In der Diakonie wird in großem Umfang eine hervorragende, den Menschen zugewandte Arbeit geleistet. Aber es ist gewiss eine große Herausforderung für uns, dass die christliche Motivation des Helfens und der Nächstenliebe nicht mehr für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in der Diakonie tätig sind, den Ausgangspunkt bildet.

Was wollen Sie damit sagen?

Wir haben in unserer Region zum großen Teil Einrichtungen, in denen mehr als die Hälfte der Mitarbeiter nicht mehr kirchlich gebunden ist. Das gilt insbesondere für Einrichtungen, deren Trägerschaft wir nach der Wende übernommen haben. Das ideale Rezept, wie wir damit umgehen, haben wir noch nicht gefunden. Aber wir unternehmen große Anstrengungen, bei diesen diakonischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Verständnis für den christlichen Glauben zu gewinnen und ein eigenes Verhältnis zu ihm zu wecken. Das ist ein langer Weg; aber wir sind zu ihm verpflichtet, wenn wir solche Einrichtungen führen.

Hat die Kirche nicht eine kritische Grenze erreicht? Ist ihre äußere Präsenz nicht inzwischen viel stärker als ihre innere Präsenz? Lebt die Kirche in Deutschland über ihre Verhältnisse?

Die Kirche muss immer wieder überprüfen, ob sie das, was sie tut, auch innerlich füllen kann. Aber es gibt für solche Prozesse keine Zwangsläufigkeit. Es gibt auch Felder, die wir uns im Augenblick neu erschließen – zum Beispiel bei der Neugründung evangelischer Schulen mit hoch motivierten Lehrkräften. Das generelle Bild von einer Kirche mit einem auf allen Seiten zu großen Mantel ist falsch. Knapper wird dieser Mantel leider ohnehin; denn wir müssen auch weiterhin mit einer Schwächung der kirchlichen Finanzkraft rechnen.

Braucht die evangelische Kirche 23 Landeskirchen?

Nein, die Zahl kann weiter reduziert werden. Aber wir brauchen eine relativ ortsnahe Kirchenleitung. Deshalb werden wir an der landeskirchlichen Struktur festhalten, auch wenn wir die Wahrnehmung von Gemeinschaftsaufgaben durch die EKD stärken.

Unternehmen in Schwierigkeiten konzentrieren sich wieder auf ihr Kerngeschäft. Was ist das christliche Kerngeschäft der evangelischen Kirche?

Wir sind kein Unternehmen und haben darum auch kein Kerngeschäft, von dem wir uns Profite erhoffen. Wir haben das Ziel, das Evangelium zu den Menschen zu bringen und den Menschen den Zugang zum christlichen Glauben zu eröffnen. Wir wollen das Evangelium an die nächste Generation weitergeben. Deswegen sind die Traditionsabbrüche, die wir heute erleben, für uns eine der größten Herausforderungen. Diesen Herausforderungen stellen wir uns.

Das Gespräch führten Claudia Keller, Gerd Appenzeller und Martin Gehlen. Das Foto machte Mike Wolff.

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