Politik : Die ungeschriebene Geschichte - was sind 40 Jahre DDR wert? (Leitartikel)

Hermann Rudolph

Zu den Hypotheken, die wir aus dem letzten Jahrzehnt mit in das neue Jahre nehmen, gehören die Schleifspuren, die der Prozess der deutschen Einigung hinterlässt. Zwar ist die Verwandlung der einstigen DDR in ein neues, von Kopf bis Fuß, vom Straßenbelag bis zum Dachziegel verändertes Land verblüffend weit vorangeschritten. Selbst das nach wie vor erhebliche wirtschaftliche Gefälle zwischen Osten und Westen stellt dieses Fortschreiten der Vereinigung nicht wirklich in Frage. Doch geblieben ist das schwer fassbare Gefühl, das überall im Rücken des Neuen gewachsen ist. Es ist das Bewusstsein einer Zweitrangigkeit bei allen Erfolgen, eine subtile Gekränktheit trotz äußerer Angleichung. Es ist in den letzten Jahren nicht geringer geworden, im Gegenteil.

Es gibt die Einheit, aber es ist eine Einheit in Schräglage. Es ist ja unübersehbar, dass die Ostdeutschen im öffentlichen Leben unterrepräsentiert sind. Gewiss, neuerdings stammt sogar die Generalsekretärin einer Partei aus dem Osten - aber Frau Merkel ist eben doch die Ausnahme, die die Regel bestätigt. Selbst im Sport, in dem die DDR doch Weltniveau hatte, reicht es nicht zu einem Gleichgewicht, jedenfalls nicht dort, wo die Massen sind - einsam hält Hansa Rostock in der Bundesliga die ostdeutsche Fahne hoch gegen lauter West-Vereine. Und doch liegt der Grund dafür, dass der Osten im vereinten Deutschland fremdelt, tiefer.

Er besteht in der unbeantworteten Frage nach dem Ort der DDR-Vergangenheit in der Nachkriegsgeschichte. Das ist keine historische, sondern eine hoch brisante politische Frage. Sie lautet: Was sind diese vierzig Jahre wert auf den neuen bundesdeutschen Waagschalen? Sind sie überhaupt etwas wert? Sind sie nicht vielmehr ein Klotz am Bein? Es ist ja richtig, dass die Vereinigung zwar - was alle wollten - die DDR abgeschafft hat. Doch einhergegangen ist damit auch eine Entwertung von Erfahrungen, Leistungen und Überlebens-Techniken, kurz: von gelebtem Leben. Und damit wird die Sache doch zu einer historischen Frage. Der sächsisch-anhaltinische Ministerpräsident Reinhard Höppner hat sie im vergangenen Jahr aufgeworfen als er im Blick auf die anstehenden Jubiläen eine Geschichte forderte, in der auch die DDR so vorkäme, dass sich die Ost-Deutschen in ihr wiederfinden könnten.

Weit sind wir damit nicht gekommen. Aber wie sähe denn eine solche Geschichte aus? Es kann nicht die leicht gewendete offiziöse DDR-Geschichte sein, die die PDS verficht, doch auch nicht ihre Es-war-doch-nicht-alles-schlecht-Lesart. Die Antwort liegt, vermutlich, in einer Geschichte, die auf dem Feld dieser vierzig Jahre erst aufgesucht, ausgegraben und beschrieben werden müsste. Denn es trifft ja nicht zu, dass - wie gelegentlich behauptet wird - die Menschen in der DDR von den Westdeutschen um ihre Geschichte gebracht worden wären. Die ungleich tiefer gehende Enteignung hat in den Jahrzehnten davor stattgefunden, als die SED dem Land ihr Bild der Geschichte oktroyierte.

Diese Geschichte müsste erzählen, wie Menschen mit einem System, das sie sich nicht ausgesucht haben, umgegangen sind. Wie sie sich mit ihm arrangiert haben, sich anpassend und sich ihm entziehend. Wie sie sich Freiräume ertrotzten und wie sie ihre Eigentümlichkeiten verteidigt haben. In dieser Geschichte müsste erkennbar werden, wie Resignation und Rückzug sich ausbreiteten, bis daraus dann doch der Mut erwuchs, im Herbst 1989 auf die Straße zu gehen. Hier müsste auch vorkommen, was der Essayist Friedrich Dieckmann das "inwendige Kulturleben" der DDR genannt hat - wozu ebenso die Arbeit mancher Verlage, die Anstrengungen von Künstlern und Schriftstellern oder der aufopfernde Kampf der Denkmalspflege gegen Abriss und Verfall gehörten. Kurz: Zu bitten wäre um eine Geschichte der DDR von innen.

Es wäre übrigens kein Heldenlied. Aber es wäre eine Geschichte, die dem Osten seinen Platz in der Bundesrepublik verschaffen könnte.

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