Politik : Die Verurteilung von Egon Krenz ist ein klarer Sieg des Rechtsstaates (Kommentar)

Wolfgang Templin

Karl Marx berühmte Worte von der Weltgeschichte, die es liebt, als Tragödie zu beginnen und als Farce zu enden, könnten sich an seiner eigenen Person bestätigen. Das berühmt-berüchtigte Grinsen des letzten "ersten Sekretärs des Sekretariats des Politbüros und Vorsitzenden des Staatsrates der DDR" wird in die Geschichte eingehen. Genauso treffend sind sie wie das Plakat vom 4. November 1989 auf dem Alexanderplatz, welches ihn, den Egon Krenz, als den Großmutterwolf zu Besuch bei Rotkäppchen zeigt.

Für eine Lachnummer und Schießbudenfigur hatte Egon Krenz andererseits zu lange Zeit zu viel Macht und war auch bereit, sie in bester kommunistisch-diktatorischer Tradition einzusetzen. Uns Oppositionellen und DDR-Bürgern werden seine Worte auf jeden Fall unvergessen bleiben, mit denen er die chinesischen Genossen im Sommer 1988 zum mutigen und konsequenten Umgang mit den konterrevolutionären Studenten auf dem Platz des Himmlischen Friedens in Peking beglückwünschte. Das Blut an den Panzerketten war zu dieser Zeit noch nicht einmal getrocknet.

Die Diskussion über den Ausgang des Prozesses gegen ihn und seine Mitgenossen von der höchsten Führungsspitze, Günther Kleiber und Günter Schabowski, hat noch einmal viel Staub aufgewirbelt. Zehn Jahre nach dem Fall der Mauer geistern ja immer noch Geschichtslegenden umher, werden die einfachsten Fakten und Tatsachen schlichtweg geleugnet. Die Schutzbehauptung von Egon Krenz, mit ihm solle der gescheiterte Versuch eines Sozialismus auf deutschem Boden noch im Nachhinein bestraft werden und mit ihm sitze jeder anständige Bürger der Deutschen Demokratischen Republik auf der Anklagebank, ist einfach nur noch grotesk. Erstaunlich dabei ist nur, von wie vielen Zeitgenossen in West und Ost diese abstruse Behauptung noch bereitwillig aufgenommen wird.

Vor zwei Tagen konnte ich mich in Amsterdam fragen lassen, warum wir es denn überhaupt zuließen, dass eine westdeutsche Unrechtsjustiz in unsere eigene Geschichte eingreifen darf. Genau diese Geschichte, die Toten an der Mauer und die innere Spaltung im Osten, sobald es um Fragen von Verantwortung, Beteiligung, Wegsehen und Verdrängen geht, machen die Klarheit über den tatsächlichen Gegenstand des Prozesses in Leipzig so außerordentlich notwendig.

Nach einer langen Zeit des Zögerns und der Unsicherheit war die Entscheidung, bei den Toten an der Mauer die Befehlskette bis nach oben hin zu verfolgen, völlig richtig gewesen. Die Offiziere, die Angehörigen der Grenzgeneralität der DDR und die politisch Verantwortlichen für das Grenzregime und seine Ausgestaltung mit auf die Anklagebank zu setzen, war in Anbetracht der Tatsachen nur konsequent und ist im Ergebnis ein klarer Sieg des Rechtsstaats.

Die Mauerschützen zu bestrafen und die Herren des Schießbefehls ungestraft hinter ihren Nebelwänden aus Ausflüchten verschwinden zu lassen - das hätte die Opfer noch einmal gedemütigt. Alle diesbezüglichen Urteile sind ohnedies mehr als maßvoll ausgefallen. Kein Toter an der Mauer wird wieder lebendig werden. Kein Krüppel wieder gesund. Und die erbärmliche soziale Situation vieler Betroffener bleibt auch noch für die Zukunft bestehen.

Was mit dem Urteil eingezogen ist und wofür viele Opfer an erster Stelle gekämpft haben, ist dennoch unersetzlich. Maßstäbe für Schuld und Verantwortung können und müssen auch juristisch benannt werden. Weder ein Diktator darf noch seine Helfershelfer dürfen das Prinzip der offenen Hintertüren ewig vorfinden.

Ein Staat, der seine eigenen Bürger für die Durchsetzung einer angeblich höheren historischen Räson einsperren und auch umbringen lässt, hat sein Urteil über sich selbst gesprochen.

Der Autor gehörte zur Oppositionsbewegung in der DDR und war nach 1990 Mitbegründer von "Bündnis 90". Foto: Ullstein

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