• "Die Wehrpflicht ist nicht mehr zu halten" - Wehrexperte Meyer zur Umstrukturierung der Armee

Politik : "Die Wehrpflicht ist nicht mehr zu halten" - Wehrexperte Meyer zur Umstrukturierung der Armee

Eine B,eswehr mit weniger als 300 000 Mann h&aum

Berthold Meyer (55) von der Hessischen Stiftung Friedens- und Konfliktforschung ist Projektleiter für Wehrform und Demokratie. Als Professor für Politologie lehrt er in Marburg.

Eine Bundeswehr mit weniger als 300 000 Mann hält die Union für nicht machbar. Was spricht gegen eine solche Verkleinerung?

Dagegen spricht nur etwas, wenn man unbedingt die Wehrpflicht beibehalten will. Dann muss man eine gewisse Anzahl von Wehrpflichtigen haben, um der Wehrgerechtigkeit genüge zu tun. Man braucht zudem Fachkräfte, die die Soldaten ausbilden.

Verkleinerung der Bundeswehr unter Beibehaltung der Wehrpflicht. Ein Widerspruch?

In gewisser Weise schon. Wenn man knapp unter 300 000 bleibt, ist das noch in Ordnung. Aber nicht mit noch weniger Soldaten und verkürzter Wehrpflicht. Wenn sie nur noch sechs Monate Ausbildungszeit haben, dann ist die Ausbildung nicht ausreichend.

Sind denn die internationalen Aufgaben mit einer verkleinerten Truppe zu bewältigen?

So, wie die Bundeswehr heute gegliedert ist, sind die Kräfte, die für die Landesverteidigung zuständig sind, in der Mehrzahl. Doch die werden am wenigsten gebraucht. Die Krisenreaktionskräfte haben das meiste zu tun. Da wir damit rechnen müssen, dass noch mehr internationale Einsätze wie im Kosovo zu leisten sind, müsste es zu einer deutlichen Verabschiebung des Schwergewichts von den Hauptverteidigungs- zu den Krisenreaktionskräften kommen. Dann wäre die Bundeswehr auch in einem verkleinerten Umfang in der Lage, ihre internationalen Aufgaben zu bewältigen.

Einerseits soll gespart, andererseits mehr internationale Verantwortung übernommen werden. Passt das zusammen?

Es kann zusammenpassen, es kommt darauf an, wie man es umsetzt und ob die Wehrpflicht beibehalten wird. Eine Wehrpflichtarmee ist nicht unbedingt billiger als eine Berufs- oder Freiwilligenarmee, denn viele Offiziere und Unteroffiziere in der Wehrpflichtarmee haben keine andere Aufgabe,als die Ausbildung der Rekruten zu übernehmen. Ihr Anteil könnte bei Verzicht auf die Wehrpflicht drastisch gesenkt werden.

Sie wollen lieber eine Berufsarmee?

Ich sperre mich gegen den Begriff. Denn es ist ja nicht so, dass sich Leute mit 18 verpflichten und mit 65 aufhören. Dann wäre eine Armee sehr überaltert. Der Begriff Freiwilligenarmee ist sinnvoller. Denn dann haben sie Leute, die sich auf zwei, vier oder zwölf Jahre verpflichten lassen, die dennoch ihre eigenen Berufe haben. So haben sie immer frische Leute. Mein Modell sieht ein freiwilliges Dienstjahr vor, wo jeder und jede sich zur Bundeswehr oder einem Sozialdienst verpflichten kann. Sie hätten dann ein Potential von Rekruten, die wirklich interessiert sind, sich auch länger zu binden.

Beeinflusst die jetzige Öffnung der Bundeswehr für Frauen etwas?



Ja, ganz entscheidend. Die Wehrpflicht ist nicht mehr zu halten, weil Frauen dürfen, Männer aber müssen. Dagegen könnte ein Mann vor dem Bundesverfassungsgericht klagen und die Freiwilligkeit durchsetzen. Das Interview führte Armin Lehmann

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