Politik : Die Wurzeln vom Franz

Müntefering hat Gerhard Schröder ins Sauerland eingeladen. Der Kanzler hat Anlaufschwierigkeiten

Jürgen Zurheide[S],ern

Die Frage kommt immer wieder, aber das lässt sich Gerhard Schröder an diesem Samstag nicht anmerken. Er antwortet jedes Mal mit einer kleinen Verzögerung – so, als wenn er noch einmal kurz nachdenken und spontan darauf eingehen müsste. „Ich bin gekommen“, hebt er dann an, „um zu sehen, wo der Franz seine Wurzeln hat, wo er die Kraft und die Standfestigkeit hernimmt“. An dieser Stelle wird das jeweilige Publikum beifällig nicken oder sogar klatschen und sich damit auch ein klein wenig selbst feiern. Gerhard Schröder gibt diese Antworten im Sauerland, an der Seite von Parteichef Franz Müntefering, der den Kanzler in seine Heimat eingeladen hat.

So findet sich Schröder nach einem Mittagessen mit seinem Parteichef in der Schützenhalle Linnepe auf der Bühne wieder und lernt noch einmal das eine oder andere über seinen aktuellen Weggefährten. Etwa, dass sie vor fast 40 Jahren hier im politisch schwarzen Sauerland – der Heimat von Friedrich Merz, der stets mit satter Mehrheit gewählt wird – einen SPD-Ortsverein gegründet haben, der auf den biblischen Namen „Altes Testament“ hört, was die Strategen in der Bonner Zentrale damals für einen Scherz hielten. Seither haben sie manche Wahl verloren, aber hin und wieder auch an der absoluten Mehrheit der CDU gekratzt.

Jetzt soll der Kanzler vor der Kommunalwahl am 26. September das Parteivolk ermuntern, aber ganz leicht fällt ihm das nicht. Nachdem Franz Müntefering mit seiner kurzen Rede –„ich kann nur kurze Sätze: Das Sauerland ist schön, die SPD ist gut, Glück auf“ – gepunktet hat, fällt es dem Kanzler schon schwerer, die Menschen zu begeistern. Zu Beginn redet er lange über die Außenpolitik, die hier im tiefen Sauerland mit seinen adretten Häuschen und dem beschaulichen Wohlstand noch weiter weg erscheint als in Berlin. Es rührt sich kaum eine Hand, als Schröder an sein Nein zum Krieg im Irak erinnert, selbst der Hinweis auf das Erbe von Willy Brandt wirkt nicht.

Erst allmählich nähert sich der Kanzler den schwierigen Themen. „Was wir gegenwärtig durchmachen“, ruft er in den gut gefüllten Saal, „machen wir nicht für uns, sondern für unsere Kinder“. An dieser Stelle horchen die ersten auf, obwohl jeder fürchtet, dass es bei der Kommunalwahl angesichts der Reformen noch schlimmer kommen könnte als bei der Europawahl im Juni, bei der nur noch knapp 20 Prozent der Wähler ihr Kreuz bei der SPD gemacht haben.

Der Kanzler zeigt dem Publikum den Silberstreif am Horizont: „Das seht ihr an den Krankenkassenbeiträgen – die sinken jetzt nach unserer Reform.“ Auch da bleiben sie noch skeptisch im Saal, aber die ersten Mienen hellen sich auf. Richtig Beifall erhält Schröder erst, als er sich den politischen Gegner vornimmt: „Durchwursteln haben die anderen gemacht, das ist unanständig!“ Applaus.

Dass die Sauerländer auch in aussichtslosen Situationen kaum zu schrecken sind, hatte Franz Müntefering schon vorher bewiesen. Auf dem Marktplatz von Arnsberg hatte er beim SPD-Stadtfest vor dem Kanzlerbesuch am Vormittag geredet und auch dem leichten Regen getrotzt. Als es während seiner kurzen Ansprache plötzlich richtig anfing zu schütten, war er nicht zu bremsen: „Den Regen schickt uns die CDU, das sind die schwarzen Wolken“, sagte er, bevor er Trost spendete: „Die Sonne ist trotzdem da, es sind nur ein paar Wolken dazwischen“. Besser hätte kaum einer der wahlkämpfenden Genossinnen und Genossen auf dem Marktplatz die Lage beschreiben können.

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