Politik : Diplomatie mit Cricket

Indien und Pakistan suchen Annäherung

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Neu-Delhi - Die Kleinstadt Mohali schafft es so gut wie nie in die Schlagzeilen. Doch dieser Tage zieht es plötzlich das gesamte „Who is Who“ Indiens in den im Norden gelegenen Ort, von Konzernbossen über Minister bis hin zu Bollywood-Stars. Erstmals seit der Terrorattacke auf Mumbai im November 2008 werden dort am Mittwoch Indien und Pakistan aufeinandertreffen – beim Halbfinale der Cricket-Weltmeisterschaften. Und kaum etwas erhitzt die Gemüter mehr als ein Cricketmatch zwischen den Erzrivalen, die drei Kriege miteinander führten.

Bereits seit Tagen fiebern beide Nationen der in den Medien als „Spiel aller Spiele“ bezeichneten Partie entgegen. Und Indiens Regierung hat den Spieleklassiker nun sogar zum Anlass genommen, um die alte Cricket-Diplomatie wiederzubeleben. Indiens Regierungschef Manmohan Singh lud seinen pakistanischen Amtskollegen Yousuf Raza Gilani ein, das Spiel mit ihm zu sehen. Und dieser sagte zu. Nach dem Terroranschlag in Mumbai im November 2008 mit 166 Toten, der auf das Konto von pakistanischen Terrorgruppen ging, hatte Delhi die Gespräche mit Islamabad abgebrochen und erst kürzlich wieder aufgenommen.

Das Cricketspiel soll nun das Eis zwischen den beiden Nachbarn brechen und die Beziehung auch auf der persönlichen Ebene wieder normalisieren. Die Einladung Singhs ist nach der Ansicht von Experten mehr als nur eine höfliche Geste. Sie zeige eine Wende in der Beziehung, glaubt etwa der pakistanische Analyst Hasan Askari Rizvi. Auch der frühere indische Außenstaatssekretär Salman Haider sagt: „Es ist ein sehr guter Schritt. Der Premierminister hat die Absicht, die Bande zwischen beiden Ländern zu verbessern.“

Cricket-Diplomatie hat Tradition in Südasien. Indien und Pakistan haben sie immer wieder genutzt, um ihr schwieriges, ja feindliches Verhältnis beim Sport zu entspannen. Bereits in 2005 hatte Singh den damaligen Präsidenten Pakistans, Pervez Musharraf, eingeladen, mit ihm in Delhi ein Match anzusehen. Auch der frühere Militärherrscher Mohammed Zia ul-Haq hatte 1987 Indien für ein Cricketspiel besucht, als die beiden Nachbarländer mal wieder im heftigen Streit miteinander lagen.

Über alle Rivalität hinweg verbindet das einst von den britischen Kolonialherren importierte Ballspiel die beiden Erzrivalen Indien und Pakistan. Für die beiden Atommächte ist es auch ein unblutiger Weg, ihre Kräfte zu messen. Und beide Nationen sind bereits jetzt ganz aus dem Häuschen. Viele Firmen haben ihren Mitarbeitern für Mittwoch freigegeben. Ein Inlandsflug nach Mohali kostet inzwischen mehr als eine Reise etwa nach Thailand. Christine Möllhoff

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