Politik : Dokus

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Foto: rbb/zero one film

Er war der Übervater der TV-History. Seit 1984 leitete Guido Knopp die ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, im Januar nun gibt er den Stab weiter. Der Vorwurf, Knopp stand nur für ein Thema – Hitlers Frauen, Hitlers Krieger, Hitlers Helfer – ist zwar falsch. Dennoch hat keine andere geschichtliche Epoche den 1948 im Nachkriegsdeutschland geborenen Hessen so sehr bewegt wie diese. Und wenn Knopp zum Abschluss noch kurzerhand den Ersten und Zweiten Weltkrieg in Farbe präsentiert, müssen sich seine Nachfolger erst recht andere Themengebiete suchen. Dem Zuschauer kann es nur recht sein, dass die Zeichen auf Neuanfang stehen.

An Dokumentationen und Reportagen besteht im deutschen Fernsehen kein Mangel. Nicht nur im öffentlich- rechtlichen Bildungsfernsehen, sondern auch bei den Privatfunkern, wenngleich „Galileo“-Moderator Aiman Abdallah von ProSieben das Publikum nicht weniger spaltet als Guido Knopp. Wenn man allein die Programmfläche betrachtet, kommt man zu dem Schluss, dass sich die Zuschauer genauso gerne informieren wie berieseln lassen: Im Abendprogramm der ARD stieg die Zahl der Dokuformate von 114 im Jahr 2010 auf 125 in diesem Jahr, hat ARD-Chefredakteur Thomas Baumann vorgerechnet, als wieder einmal das Ungleichgewicht zwischen Talkformaten und Dokumentationen beklagt wurde. Nimmt man dann noch den Ereigniskanal Phoenix sowie die Nachrichtensender n-tv und N24 hinzu, entsteht eher der Eindruck einer gewissen Überversorgung. Tatsächlich gibt es wohl keine Eisenbahnlinie auf einem entlegenen Kontinent, keinen Flugzeugträger und keine Lebensmittelfabrik, die nicht schon einmal in einem Dokuformat behandelt worden wäre. Doch genau darin liegt das Problem: Es mangelt nicht an Quantität sondern Qualität. Dokumentarfilmer Lutz Hachmeister („Das Goebbels-Experiment“) hatte es in einem Interview im Tagesspiegel zusammengefasst: Dokumentarfilme, die aufwendig recherchiert und gedreht werden, sind ein gefährliches Hobby. Davon leben können Dokumentarfilmer kaum. Selbst den öffentlich-rechtlichen Sendern fehlt das Geld, qualitativ anspruchsvolle Dokus zu finanzieren. Oder wie es ARD-Programmchef Volker Herres in einem Beitrag für die „Funkkorrespondenz“ ausdrückte: „Weil Gott nicht Manna regnen lässt“.

Der Zuschauer wird sich somit in Zukunft erst recht über die Leuchttürme dieses Genres freuen dürfen. Die ARD hat die Produzenten von Dokuformaten gerade dazu aufgerufen, Konzepte für ein Dokuhighlight einzureichen. Gesucht werden Ideen für die Dokumentarinitiative „Blickpunkt Deutschland“. Vorbild könnte das Projekt „24 Stunden Berlin“ sein. Der Gewinner wird auf der Berlinale bekannt gegeben. Dann will die ARD „weitere Highlights aus dem Genre Dokumentation“ vorstellen. Man darf also hoffen, dass sich die Programmverantwortlichen nicht nur an den Erfolgen der Vergangenheit orientieren. Dass nicht nur die immer gleichen Themen wie Nazis, Nahkampf, Natur und Nahrung behandelt werden. Das Dokugenre kann wie sonst nur der Film von der Kombination aus Spielszenen und computergestützter Digitaltechnik profitieren. Man muss sich nur noch entscheiden, wie die Nach-Knopp-Ära aussehen soll. Kurt Sagatz

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