Doppelinterview mit Norbert Lammert und Peer Steinbrück : Wie kommt Vertrauen zurück?

Die Nichtwähler werden immer mehr. Woran liegt’s? Und was kann man dagegen tun? Ein Gespräch mit Bundestagspräsident Norbert Lammert und Ex-Finanzminister und Kanzlerkandidat Peer Steinbrück über eine Ressource, ohne die die Demokratie nicht leben kann.

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Peer Steinbrück (links) und Norbert Lammert stellten sich den Fragen des Tagesspiegels.
Peer Steinbrück (links) und Norbert Lammert stellten sich den Fragen des Tagesspiegels.Foto: Mike Wolff

Herr Lammert, Herr Steinbrück, was eigentlich ist Vertrauen?

Norbert Lammert: Es geht um die grundlegende Überzeugung, dass es im Großen und Ganzen ordentlich, korrekt und gerecht zugeht. Und dass man sich auf das verlassen kann, was man von Personen und Institutionen erwartet. Vor allem auf das, was sie selber versprochen haben.

Peer Steinbrück: Ohne Vertrauen, wird die Welt, werden die Beziehungen komplexer und schwieriger. Vertrauen macht das Zusammenleben ebenso wie politische Kompromisse leichter, vielleicht sogar erst erträglich.

Warum?

Steinbrück: Wenn ich zu Ihnen kein Vertrauen habe und wir müssen über etwas verhandeln, wird ohne Vertrauen dieses Verhandeln sehr viel schwieriger. Wenn Vertrauen herrscht, kommen wir sehr viel schneller zu einem Ergebnis, weil wir den Eindruck haben, dass wir uns gegenseitig über den Weg trauen können und uns nicht über’s Ohr hauen.

Herr Lammert, geht das Vertrauen in die Demokratie verloren, wenn auf Politiker und Institutionen kein Verlass ist?

Lammert: Wenn der Eindruck der Verlässlichkeit strapaziert wird, wird gleichzeitig auch Vertrauen strapaziert. Meine Lebenserfahrung ist: Schon einzelne Ereignisse können den Verlust von Vertrauen bewirken. Die Wiedergewinnung von Vertrauen ist dagegen ein unendlich langwieriger und manchmal auch aussichtsloser Prozess.

Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).
Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU).Foto: Mike Wolff

Steinbrück: In der Politik haben wir Vertrauen dadurch strapaziert, dass wir mehr ankündigen, als wir einhalten können. Das hat dann etwas mit der Kategorie Verlässlichkeit zu tun. Ich glaube, dass jedem Vertrauensvorschuss Verlässlichkeit folgen muss. Wenn es diese Verlässlichkeit nicht gibt, erodiert Vertrauen in der Tat.

Woraus entsteht Vertrauen, dieser wertvolle Stoff?

Lammert: Die wichtigste Quelle von Vertrauen sind gute Erfahrungen. Das gilt für die Beziehung von Kindern und Eltern, von Patienten und Ärzten, vielleicht auch für die von Lesern zu ihrer Zeitung. Es gilt ganz sicher für die Beziehung von Wählern und Parteien.

Steinbrück: Das Vertrauen in der Politik muss verdient werden. In einer repräsentativen Demokratie ist das nicht anders möglich. Mit dem Wahlakt wird Vertrauen an diejenigen adressiert, die man wählt. Das kann, wie Herr Lammert richtig sagt, sehr schnell verloren gehen. Es ist sehr schwer zurückzugewinnen. Aber es ist ein Vorschuss. Und dieser Vorschuss muss buchstäblich verdient werden.

Peer Steinbrück, Ex-Kanzlerkandidat der SPD.
Peer Steinbrück, Ex-Kanzlerkandidat der SPD.Foto: Mike Wolff

Wie steht es denn in Deutschland um das Vertrauen in die Politik?

Steinbrück: Wir wissen aus Umfragen, dass dieses Vertrauen zurückgeht. Das spiegelt sich auch wider in abnehmenden Wahlbeteiligungen. Das ist ein Alarmzeichen. Dass ein Oberbürgermeister mit lediglich 15 Prozent der Wahlberechtigten gewählt werden kann, finde ich erschreckend.

Lammert: Das ist richtig, aber ein bisschen zu generell. Natürlich gibt es Wahlenthaltung als Protest. Aber es gibt kurioserweise auch Wahlenthaltungen, die auf ein beinahe blindes Vertrauen zurückzuführen sind. Sie werden viele Leute finden, die sich an einer Kommunalwahl nicht beteiligen und über den siegreichen Bürgermeister trotzdem sagen, der sei ein feiner Kerl. Sie finden, es sei alles so gut geregelt, dass sie nicht wählen müssen.

Woher wissen Sie das?

Lammert: Die Wahlforschung hat herausgefunden, dass es für Wahlenthaltungen ähnlich komplexe Gründe gibt wie für Wahlbeteiligung: von schlichter Bequemlichkeit über Zufriedenheit, Veränderungswillen bis zum demonstrativen Protest. Ich finde es bemerkenswert, dass die jüngeren der regelmäßigen Umfragen des Allensbach-Instituts zeigen, dass das Vertrauen in politische Institutionen und Personen wieder zunimmt. Es gibt offenkundig keinen unaufhaltsamen Trend nach unten.

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