Politik : Dringend gesucht: das Un-Unwort

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Ups: fast übersehen. Wir haben wieder mal ein Unwort des Jahres. „Freiwillige Ausreise“ heißt es. Und zeigt, dass die wie immer todernste und hundertprozentig witzlose Jury unter Leitung des Sprachprofessors Horst Dieter Schlosser nach mehreren Jahren des Kampfs gegen die Globalisierung (Humankapital, bäh! Entlassungsproduktivität, pfui!) wieder einmal der herzlosen Politik und ihren ausführenden Beamten – wie man zu derlei Aktionen wohl sagt – den Spiegel vorhalten möchte. Im Geiste der strikten politischen Korrektheit.

Gemeint ist: Die Ausländerbehörden fordern Asylbewerber, deren Antrag von vornherein chancenlos ist, dazu auf, von selbst auszureisen. Das nennen sie freiwillig, im Gegensatz zur garantiert unfreiwilligen Abschiebung. Ja, Herr Professor Schlosser, wer unter diesem Druck ausreist, der schöpft diese Entscheidung nicht aus dem eigenen freien Willen, sondern tut das, was ihm die Gesetzeslage aufzwingt. Gibt es hier gerade irgendjemanden, der seine Steuern in diesem Sinne freiwillig zahlt?

Immerhin: Der Frankfurter Zeigefinger ragt wieder einmal senkrecht in den Himmel, er soll wohl, wie wir das früher nannten, einen „Denkanstoß“ geben. Na, und das hat ja auch geklappt, wie ganz nebenbei dieser Text hier zeigt. Und die Anstöße nehmen kein Ende, denn in diesem Jahr hat die Jury auch noch zwei Neben-Unwörter gerügt, die sich ebenfalls nicht wirklich aufzudrängen vermochten: „Konsumopfer“, Wolfgang Joops Begriff für Models, die zugunsten eines seltsamen Schönheitsideals hungern. Und „Neiddebatte“, ein dem Ex-Bundesbanker Ernst Welteke zugeschriebener Begriff zum Streit über die Einkünfte von Spitzenmanagern.

Konsumopfer – ist das nicht ein genau treffender Begriff für das, was den Mädchen da passiert? Und ist „Neiddebatte“ nicht zumindest eine im Meinungsstreit erlaubte, präzise Formulierung, die für eine diskutable, wenn auch unpopuläre Auffassung steht?

Ach, es wird vermutlich zu viel Aufmerksamkeit auf all diese Dinge und Undinge des Jahres gelenkt. Gestern haben übrigens auch die Düsseldorfer Börsianer ihr Unwort veröffentlicht, es lautet „Börsen-Guru“ und meint wohl eher die Person als den Begriff. Die Feuerwehrleute schließen sich an, ihr Unwort lautet „Wärmefenster“. Es geht dabei um die Isolierung der Einsatzhosen …

Was mögen all diese Wahlen an Energie vernichten? Wählen wir einfach das Un-Unwort des Jahres: Papierkorb.

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