Drohende Herabstufung : Europa empört über Ratingagentur

06.12.2011 23:01 UhrVon Robert Birnbaum, Michael Schmidt

Die drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands und anderer Euro-Länder ist in Europa auf Unverständnis und Kritik gestoßen. Euro-Gruppen-Chef Juncker nennt sie "maßlos überzogen und auch ungerecht".

Berlin - Die drohende Herabstufung der Kreditwürdigkeit Deutschlands und anderer Euro-Länder ist in Europa auf Unverständnis und Kritik gestoßen. Euro-Gruppen-Chef Jean-Claude Juncker kritisierte die Warnung der US-Ratingagentur Standard & Poor’s am Dienstag als „maßlos überzogen und auch ungerecht“. Scharfe Kritik kam auch von Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler. „Wir halten nichts von solchen Drohungen“, sagte der FDP-Chef in München.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gab sich dagegen gelassen und verwies auf anstehende Entscheidungen beim EU-Gipfel Ende der Woche. Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) sagte, die Drohung von S&P müsse als Ansporn verstanden werden, das Vertrauen der Finanzmärkte in die Euro-Zone zurückzugewinnen.

Die Ankündigung sei „eine zusätzliche Bestätigung, dass wir alles daran setzen müssen, zu einem guten Ergebnis zu kommen“. Der FDP-Haushaltsexperte Otto Fricke warnte davor, die Entscheidung von S&P überzubewerten. Allerdings müsse der Gipfel jetzt mehr denn je eine „nachvollziehbare Lösung“ für die Probleme des Euro-Raums finden. „Es nützt nichts, wenn die Anleger hinterher sagen: Ich würde euch ja gerne glauben, aber das ist alles viel zu kompliziert“, sagte Fricke dem Tagesspiegel.

Drei Tage vor dem EU-Gipfel hatte S&P am Montagabend angekündigt, die Kreditwürdigkeit von 15 der 17 Euro-Länder zu überprüfen. Zur Begründung verwies die Agentur unter anderem auf das ihrer Ansicht nach unkoordinierte und unentschlossene Handeln der Politiker und schlechte Konjunkturaussichten. Ein gutes Rating ist Voraussetzung für Staaten und Unternehmen, um sich an den Kapitalmärkten zu günstigen Konditionen frisches Geld zu besorgen. Der CDU-Europaabgeordnete Elmar Brok nannte die Ankündigung „völlig unverständlich“. Deutschland sei stärker aus der Krise herausgekommen als es hineingegangen sei, er sehe daher „keine Anzeichen von Schwäche“, sagte Brok dem Tagesspiegel. Brok kritisierte, so wie die Ratingagenturen agierten, seien sie „keine Frühwarner, sondern Krisenverstärker“.

Am Dienstag legte Standard & Poor’s nach und drohte auch dem Euro-Rettungsfonds EFSF mit dem Entzug seiner Topnote für die Kreditwürdigkeit.

Michael Hüther, Direktor des arbeitgebernahen Instituts der Deutschen Wirtschaft, sagte, in der Tat könne Deutschland beim Schuldenabbau mehr tun. Die Art und Weise der Warnung aber finde er „unangemessen“, ihre Begründung „fragwürdig“: „Der Hinweis auf eine rezessive konjunkturelle Entwicklung 2012 überzeugt mich nicht“, sagte Hüther, der Agentur müsse es vielmehr um „langfristige strukturelle Aussagen“ gehen. Hüther plädierte für mehr Wettbewerb: „Drei anerkannte Ratingagenturen weltweit sind zu wenig“, sagte er dem Tagesspiegel. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung sprach sich dafür aus, bei der Bundesbank eine staatliche Ratingagentur anzusiedeln.

Videos - Politik

Umfrage

Immer wieder wird der Verbleib Griechenlands in der Eurozone kontrovers diskutiert. Was denken Sie?

Service

Grüne Geschäfte - Der Blog

Wir können's besser: Für eine Wirtschaft, die Ressourcen und Klima schont
Der Blog von Tagesspiegel-Autorin Dagmar Dehmer und der Zeit-Online-Autorin Marlies Uken.

Rechtsextremismus in Deutschland

Weitere Themen

Das Kernkraftwerk Philippsburg im Landkreis Karlsruhe. Foto: dapd

Die aktuellen Tagesspiegel-Artikel aus unserem Atomkraft-Themenressort.

Atomkraft

Umfrage

Peter Altmaier von der CDU wird der neue Umweltminister - ist er der richtige Mann für den Posten?

Todesopfer rechter Gewalt

Tagesspiegel-Abo

Foto:

Werden Sie Tagesspiegel-Abonnent und sichern Sie sich tolle Prämien. Spezielle Angebote finden Sie in unserem Aboportal.

Leser werben Leser - Vermitteln Sie einen neuen Tagesspiegel-Leser und wählen Sie Ihre Wunschprämie.

Studentenabo - Profitieren Sie von unseren günstigen Studentenangeboten.

Probeabo - 14 Tage kostenlos den Tagesspiegel lesen.

Tagesspiegel App für iPhone und iPad.

Aboservice - Ob Urlaub, Umzug oder Schwierigkeiten bei der Zustellung - wir helfen Ihnen weiter.

Tagesspiegel Abo
Deutsche ISAF-Soldaten: Der Krieg in Afghanistan geht ins elfte Jahr. Foto: dapd

Der Einsatz am Hindukusch neigt sich dem Ende zu. Eine Übersicht über alle Artikel zum Afghanistan-Krieg finden Sie hier.

Alles über Afghanistan
Wie geht es weiter mit dem Euro und der EU? Foto: Reuters

Zehn Jahre Euro. Alle Artikel zur Finanzeskalation im Krisenjahr 2011, wirtschafts- und finanzpolitische Themen in unserem Themenressort.

Euro-Krise

Krankenkassen-Vergleich

Foto:

• Beitragsrechner
• Versicherungsvergleich
• Tipps zum Wechsel

Der schnelle Weg zur günstigen Krankenkasse.

Hier vergleichen
Foto:

Das politische Geschehen in der Hauptstadt. Hautnah. Alles über die Berliner Landespolitik und ihre Akteure lesen Sie hier.

Berliner Landespolitik
Braunkohle-Tagebau des Vattenfall-Konzerns bei Jänschwalde .Aus Jänschwalde und Cottbus-Nord werden täglich zirka 60.000 Tonnen Braunkohle gefördert. Mit dieser Energie kann der Tagesbedarf einer Großstadt gedeckt werden. Foto: dpa

Solarenergie, Berichte von den Klimakonferenzen, Atomkraft und vieles mehr aus den Themenbereichen "Energie und Umwelt".

Energie

Biowetter, Deutschlandwetter und internationales Wetter, Niederschlagsmengen, Reisewetter und aktuelle Satellitenbilder. Behalten Sie das Wetter im Griff!

Tagesspiegel Wetterseite