Dschihad-Rückkehrer : Schleichende Radikalisierung

Immer mehr junge Muslime aus Deutschland radikalisieren sich und ziehen in den "Heiligen Krieg". Die Rückkehrer stellen die Behörden vor Probleme.

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Der Ex-Rapper Deso Dogg wird heute dem engeren IS-Zirkel zugerechnet.
Der Ex-Rapper Deso Dogg wird heute dem engeren IS-Zirkel zugerechnet.Foto: picture alliance / dpa

Die einen ziehen in den „Heiligen Krieg“, um ihren „syrischen Brüdern und Schwestern“ im Kampf gegen Machthaber Baschar al Assad beizustehen. Andere treibt pure Abenteuerlust an. Und sehr viele aus Deutschland kommende Dschihadisten träumen mittlerweile davon, endlich unter „wahren Muslimen“ leben zu können – ein Wunsch, von dem derzeit vor allem der „Islamischen Staat“ profitiert. Denn die Propagandamaschinerie der Terrormiliz verspricht potenziellen „Gotteskämpfern“ ein Leben unter Gleichgesinnten. Die Folge: Gerade junge Menschen radikalisieren sich – nicht nur über das Internet, sondern zunehmend durch Freunde und Bekannte.

Radikalisierung im Verborgenen

Doch allzu oft bekommen die Sicherheitsbehörden von dieser Radikalisierung kaum etwas mit. Oder sie wird erst wahrgenommen, wenn es schon zu spät ist. Der Terrorismusexperte Guido Steinberg hält das für eine der größten Schwächen der deutschen Nachrichtendienste. Überhaupt sei die Sicherheitsarchitektur noch nicht in ausreichendem Maße auf die Abwehr möglicher Gefahren eingestellt, sagte der Islamwissenschaftler am Dienstag bei der Vorstellung seines neuen Buches „Al-Qaidas deutsche Kämpfer“.

Flächendeckende Observierung unmöglich

Denn von den vermutlich mindestens 450 deutschen Salafisten, die sich bisher auf den Weg nach Syrien gemacht haben, sind schätzungsweise 120 bis 150 zurückgekehrt. Nach Ansicht der Sicherheitsbehörden stellen sie – kampferprobt und nochmals radikalisiert – eine echte Bedrohung dar. Doch wie können die Dienste verhindern, dass Dschihadisten hierzulande Terroranschläge verüben? Schon logistisch ist das ein schwieriges Unterfangen. „Man kann nicht 120 Leute observieren, dazu reichen die Kapazitäten der Behörden nicht aus“, sagte eine Sprecherin des Gemeinsamen Terrorismusabwehrzentrums (GTAZ) dem Tagesspiegel. Das GTAZ ist eine Art Kooperationsstelle, bei der Informationen aus 40 nationalen Sicherheitsbehörden zusammenfließen.

Festnahme nur in Ausnahmefällen

Eine Festnahme von Rückkehrern sei nur in Ausnahmefällen möglich, sagte die Sprecherin weiter. Dazu müssten klare Belege für im Ausland begangene Straftaten oder Aufrufe zu eben diesen vorliegen. Soweit möglich würden Rückkehrer aber schon am Flughafen von der Bundespolizei angesprochen und darauf hingewiesen, dass die Behörden um ihre Aktivitäten wüssten und sie im Visier hätten. „Das wirkt oft schon einschüchternd.“

Druck oder Geld

Guido Steinberg wird das womöglich für einen Schritt in die richtige Richtung halten. Denn der Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik plädiert für ein entschiedeneres Vorgehen der Sicherheitsbehörden. Zum Beispiel beim Anwerben von Spitzeln, die Informationen über die dschihadistische Szene beschaffen sollen. Zumeist werde mit Geld für eine derartige Kooperation geworben. Doch das halten Experten mit Verweis auf das geschlossene Weltbild der potenziellen „Quellen“ für wenig erfolgversprechend. Auch Steinberg ist sich sicher: „Man muss schon Druck ausüben.“

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