DURCH BERLUSCONI LINKS GEWORDEN : "Politik ist etwas Ernstes"

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Flaminia Spadone (28) ist Mitglied des PD und arbeitete in der Regierung Prodi.

Ich stamme aus einer Familie, in der Politik kein Thema war. Ausnahme war mein Großvater, ein überzeugter Sozialist. Und er hat mir Politik zunächst verleidet: Ich wollte Comics lesen, er zwang mich, die Nachrichten zu gucken. Ich bin ein absolutes Medienkind, ich bin vor dem Fernseher aufgewachsen und besonders gern sah ich „Drive in“, ein typisches Produkt des Berlusconi-Fernsehens mit halbnackten Nummerngirls. Kurioserweise hat mich gerade das später politisiert: Ich habe aus Interesse an Zeitschriften, Fernsehen und Internet angefangen, Kommunikationswissenschaft zu studieren. Und während an meinem Gymnasium in Rom-Nord, einer ziemlich rechten Gegend, politisch nichts los war, entstand im Studium meine Liebe zur Politik, in einer Zeit, die bestimmt war von den sehr professionellen politischen Werbekampagnen von Berlusconi. Ich weiß nicht mehr, was genau passiert ist, aber ich fand es beunruhigend, dass einer, den ich übrigens als Unternehmer sehr bewunderte, Politik machen wollte – einer der für mich in die Werbung, in die Unterhaltung, zum Sport gehörte. Politik ist etwas Ernsthaftes. Ich fürchte, in diesen 15 Jahren ist Italien zu einem Land geworden, in dem nur Äußeres zählt, Geld, Villen auf Sardinien, dass man Steuern möglichst nicht zahlt und sich auch sonst einen schlanken Fuß macht. Noch beunruhigender finde ich, dass es dagegen keine Opposition gibt. Wenn ein Modell so übermächtig ist wie das der Rechten, dann ist es doch geradezu naturnotwendig, dass es auch ein Gegenmodell gibt. Aber nichts. Inzwischen habe ich mich fast damit abgefunden: Italien ist so. Dieses Land interessiert sich nicht für Bürgerrechte und dafür, gut regiert zu werden. Aber weggehen werde ich nicht. Wir können doch nicht alle auswandern! Ich arbeite für eine PR-Firma. Lieber würde ich weiter politische Kommunikation machen, aber das wird schlecht bezahlt, auf der Linken erledigt man das nach wie vor so nebenbei im Wohnzimmer des Onkels von X und der Schwägerin von Y. Also mache ich das ehreamtlich. Ich habe mit Freunden eine Internetseite, die sich für die Patientenverfügung einsetzt.

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