Politik : "Dynamische Zeiten": Das lange Werden der 60er Jahre

Dietmar Süss

Der Mythos der Studentenbewegung lebt. Allerdings drohen die vermeintlichen Helden als die Terroristen von damals entlarvt zu werden. Beides ist ebenso falsch wie durchsichtig und Teil des Erinnerungskampfes um die Deutungshoheit der westdeutschen Nachkriegsgeschichte in der Post-Kohl-Ära. Der Sammelband über die ost- und westdeutsche Gesellschaft in den sechziger Jahren kommt deshalb zur rechten Zeit. Der Blick der Autoren richtet sich in erster Linie auf Westdeutschland, während die Frage nach den "dynamischen Zeiten" für Ostdeutschland genauso unbeantwortet bleibt wie die Beziehungsgeschichte zwischen beiden deutschen Staaten.

Deutlich relativieren die Beiträge die Vorstellung, erst die Studentenbewegung habe die restaurative Bundesrepublik zum liberal-demokratischen Staat umgeformt. Diese beliebte und vor allem von jenen kolportierte Deutung, die den Geist von 1968 eingeatmet haben, kann einer kritischen Prüfung kaum standhalten. "Die Protestbewegung", so Axel Schildt, "fungierte insgesamt - weithin unbewusst oder wider Willen - vor allem als Agent einer dynamischen Modernisierung der westdeutschen Gesellschaft und ihrer politischen Kultur, die allerdings bereits ein Jahrzehnt zuvor begonnen hatte".

In vielen gesellschaftlichen Bereichen waren aufgrund eines nie gekannten wirtschaftlichen Aufschwungs und vielfältiger westeuropäischer und transatlantischer Einflüsse gesellschaftliche Auf- und Umbrüche zu erkennen, deren Ursprung nicht im sagenumwobenen Jahr 1968 lagen. Tragende gesellschaftliche Säulen wie der Katholizismus erlebten durch das zweite Vatikanische Konzil zu Beginn der 60er Jahre einetief greifende Modernisierung. Auch die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus war nicht erst durch die Studentenbewegung initiiert worden, wie Detlef Siegfried eindringlich im deutsch-deutschen Vergleich zeigt.

Die sechziger Jahre waren also eine Phase der "Gärung", voll weit reichender Utopien und Hoffnungen, aber auch eines politischen Pragmatismus der großen Parteien. Die Große Koalition war dafür ein Zeichen. Viele dieser ambivalenten Entwicklungen sind noch lange nicht genügend untersucht. Ein nüchterner Blick zumal auf die Studentenbewegung wird wohl erst möglich, wenn die Gegner und Feinde von einst abtreten und der Weg frei wird für die nüchterne Bilanz. Eine erste Zwischenbilanz dafür liefert der Band. Angela Merkel sollte ihn ebenso lesen wie Jürgen Trittin.

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