Politik : Ein bisschen Spaß muss sein (Kommentar)

Robert Birnbaum

Renate Künast hat ein hübsches Bonmot für die Schwierigkeiten ihrer Partei gefunden, für Wähler attraktiv zu erscheinen: "Alles, was Spaß macht, macht entweder dick oder wird von den Grünen bekämpft." Das ist aus dem Mund einer designierten Grünen-Chefin eine bemerkenswerte Bewertung. Sie bedeutet nämlich nichts weniger, als dass sich die einstige Alternativ-Partei nunmehr die Beschreibung ihrer Gegner zu eigen macht. Grüne sind fortschrittsfeindliche, verkniffene Strickstrumpf- und Bedenkenträger - so haben es im Chor jahrelang FDP, SPD und Union gesungen. Und nun stimmen die Gescholtenen selbst in das garstig Liedchen ein.

Interessant ist das vor allem auch deshalb, weil die Grünen diese Selbsterkenntnis just in dem Augenblick überfällt, in dem sie nur noch begrenzt zutrifft. Wer den kleineren Regierungspartner von heute mit der Partei aus Oppositionszeiten, ja noch vor einem Jahr vergleicht, stellt auf nahezu allen Politikfeldern fest: Von grüner Bremswirkung ist da gar nicht mehr so viel zu erkennen. Vom Fünf-Mark-fürs-Benzin-Beschluss zur kleinen Realität der Öko-Steuer, vom sofortigen Atomausstieg zur Dreißig-Jahre-Frist, vom Radikalpazifismus zum eigenen Bundeswehr-Konzept.

Die Grünen, mit anderen Worten, sind gar nicht mehr die Super-Bedenkenträger, als die Künast sie in satirischer Überspitzung beschreibt. Warum aber klopfen sich Leute wie die Berlinerin oder ihr Mitbewerber um die Parteispitze, Fritz Kuhn, dann so mächtig selbst auf die Brust? Weil sie, könnte eine Antwort lauten, eine rückwirkende Rechtfertigung suchen für eine Veränderung, die längst im Gange ist und weitergehen wird.

Tatsächlich liegt das Problem der Grünen ja weniger in einem Überschuss an Radikalität als in dem Schmerz vieler Mitglieder und Anhänger darüber, was sie an Radikalität und Avantgarde-Bewusstsein schon haben aufgeben müssen. Es ist der Schmerz über den eigenen Weg in die Normalität. Die Grünen, hat Fraktionschefin Kerstin Müller trotzig gesagt, würden niemals zur reinen Funktionspartei à la FDP, sondern immer Programm- und Gestaltungspartei bleiben.

Die eigene Kraft fröhlich überschätzt

Ein hehrer Anspruch, der nur in einem entscheidenden Punkt an der Wirklichkeit vorbei geht: Funktional sind die Grünen immer Funktionspartei gewesen. Dass sie ihre eigene Kraft, die Welt von Grund auf neu zu gestalten, fröhlich überschätzt haben, hat seinerzeit einen Teil ihres Charmes ausgemacht - und macht jetzt ihre Ratlosigkeit umso größer.

Woran es den Grünen nach wie vor fehlt, ist das Maß - das Mittelmaß nämlich zwischen dem Bewusstsein der eigenen relativen Schwäche im politischen Alltagsgeschäft und dem Bewusstsein, dass das kein Grund ist, sich beleidigt abzuwenden. Hier könnten sie tatsächlich von der FDP lernen. Die Liberalen sind, als sie noch einzige dritte Kraft im Lande waren, nur von einer nicht das Überleben sichernden Minderheit wegen ureigener Inhalte gewählt worden. Sie sind über fünf Prozent und in Regierungen vorrangig gekommen als kleineres Übel. Das gilt bis heute - siehe Jürgen W. Möllemanns Erfolg in Nordrhein-Westfalen.

Die Grünen glaubten, diese Rolle des kleineren Übels bisher nicht nötig zu haben. Inzwischen merken sie, dass der Wettbewerb um Wählerstimmen sehr wohl auch anhand der Frage entschieden wird, welche der beiden potenziellen dritten Kräfte als das kleinere der kleineren Übel erscheint. Höchste Zeit also für die Erkenntnis, dass programmatische Konsequenz bis ins letzte Detail weit weniger wichtig sein könnte als ein gewisser fröhlicher Optimismus, man werde dem jeweiligen politischen Partner schon die größten Flausen austreiben.

Die neue grüne Sack-und-Asche-Mode mag dabei als Kontrastprogramm zum alten Größenwahn ganz nützlich sein. Aber wer wählt schon reumütige Büßer? Gesucht wird: eine Funktion für eine Funktionspartei.

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