Politik : Ein Christ wird noch gesucht

Die ersten Namen für die Übergangsregierung stehen fest – einige Gruppen fühlen sich nicht ausreichend vertreten

Ulrike Scheffer

NACH DEM KRIEG IM IRAK

Plötzlich geht alles ganz schnell im Irak. Noch in diesem Monat soll eine irakische Übergangsregierung gebildet werden, in der sich möglichst viele ethnische und religiöse Gruppen wiederfinden. So hat es Jay Garner, der amerikanische Verwalter im Irak, am Montag verkündet. Wie viel Macht die neue Regierung erhält, sagte Garner allerdings nicht. Klar ist nur, dass ihre Kompetenzen zunächst begrenzt sein werden, denn Washington schickt gleichzeitig einen weiteren Verwalter nach Bagdad: L. Paul Bremer. Der ehemalige Diplomat wurde am Dienstag ernannt und soll sich um den Aufbau demokratischer Strukturen kümmern. Ex-General Garner hingegen wird sich künftig darauf konzentrieren, den Wiederaufbau voranzubringen.

Die ersten Mitglieder der neunköpfigen Übergangsregierung stehen offenbar fest. Garner nannte die Führer der beiden großen Kurdenparteien aus dem Norden und Vertreter der wichtigsten Exilgruppen. Händeringend gesucht werden indes noch Persönlichkeiten aus dem irakischen Kernland, das bisher von Saddam Husseins Baath-Partei dominiert wurde. Sie repräsentierte vor allem die sunnitische Minderheit des Landes, mit Tarik Asis gehörte dem Saddam-Regime aber auch ein Christ an. Und genau diese beiden Gruppen sind auf Garners Liste bisher nicht vertreten. Mit Ijad Alawi vom Irakischen Nationalabkommen (INA) wird möglicherweise aber ein Vertreter geflohener Baath-Funktionäre und Offiziere berücksichtigt.

Für die Bevölkerungsmehrheit der Schiiten nimmt Abdul Asis al Hakim vom „Hohen Rat für die islamische Revolution im Irak“ (Sciri) am Kabinettstisch Platz. Er ist der Bruder des geistigen Oberhaupts der aus Iran operierenden Exilgruppe, Ajatollah Mohammed Bakir al Hakim. Dass der Ajatollah nicht selbst nach Bagdad geht, zeugt vom Misstrauen zwischen Amerikanern und Schiiten. Das erste Oppositionellentreffen nach dem Krieg hatten die Sciri-Leute noch boykottiert und seither immer wieder den Abzug der Besatzer gefordert. Umgekehrt fürchten die USA, Ajatollah al Hakim könnte versuchen, mit Teherans Hilfe einen islamischen Gottesstaat im Irak zu errichten. Ein weiteres Problem: Längst nicht alle Schiiten fühlen sich vom Sciri repräsentiert. Hinter den Kulissen tobt vielmehr ein brutaler Machtkampf unter den verschiedenen Schiiten-Gruppen.

Bei den Kurden ist ähnliches nicht zu erwarten. Schließlich sollen mit Massud Barsani von der Demokratischen Partei Kurdistans (DPK) und Dschalal Talabani von der Patriotischen Union Kurdistans (PUK) gleich zwei von ihnen in Bagdad mitregieren. Die Minderheit im Norden dürfte dies als Lohn für ihre kooperative Haltung im Krieg werten. Sie kämpfte an der Seite der USA gegen Saddam und verzichtete anschließend darauf, die von ihren Truppen eingenommenen Öl-Städte Mossul und Kirkuk für sich zu reklamieren.

Für viele überraschend taucht in Garners Schattenkabinett auch der Name Ahmed Chalabi vom Irakischen Nationalkongress (INC) auf. Der Geschäftsmann, der nur die ersten elf Jahre seines Lebens im Irak verbrachte und in Jordanien wegen des betrügerischen Bankrotts seiner Bank in Abwesenheit zu 22 Jahren Haft verurteilt wurde, hatte mehrfach verkündet, er strebe keine politische Rolle an. Obwohl er enge Kontakte nach Washington unterhält, waren von Chalabi in letzter Zeit zudem eher amerikakritische Äußerungen zu hören. Nun drängt sich die Frage auf, ob die Distanzierungsversuche nur vorgetäuscht waren, um Vertrauen in der Bevölkerung aufzubauen. Ist er vielleicht doch als „Karsai für den Irak“ vorgesehen?

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