Politik : Ein feines Haus

Von Bernhard Schulz

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Von ihm hätte man einen solch krachenden Rücktritt am allerwenigsten erwartet. Adolf Muschg, der Schweizer Schriftsteller, war eher der Grandseigneur an der Spitze der Akademie der Künste. Im Namen trägt sie den Zusatz „Berlin-Brandenburg“, doch getragen wird sie seit Anfang 2004 vom Gesamtstaat Bundesrepublik, ist also eine gesamtdeutsche Institution. Muschg hat überraschend die Reißleine gezogen – und damit eine Größe bewiesen, die der Akademie nicht nur gut zu Gesicht steht, sondern ihr Innerstes nach außen kehrt. Denn wozu brauchen wir eine Akademie? Doch nicht als bloße Künstlersozietät, als Vereinigung frei schwebender und am liebsten frei bleibender Geister, sondern als Instanz, als mahnende, belehrende, mitunter enervierende, auf jeden Fall aber anregende und zum Nachdenken herausfordernde Einrichtung.

Das sollte die alte (West-)Berliner Akademie von Anfang an sein. Mit dem Auftrag, die Politik des Stadtstaates zu beraten, wurde sie 1954 als Nachfolgerin der 1696 ins Leben gerufenen brandenburgischen Institution neu begründet. Das verlief nicht immer nach dem Geschmack der Politik. Man denke nur an die vom damaligen Akademie-Präsidenten Günter Grass beförderten deutsch-deutschen Schriftstellertreffen der Mittachtzigerjahre, von deren Instrumentalisierung seitens der SED wir heute wissen, was man damals kaum zu ahnen wagte.

Die deutsch-deutsche Zwillingsvergangenheit holte denn auch die Akademie in einer existenziellen Weise ein, die sie nicht bewältigen konnte. Selbstverständlich gab es zugleich in Ost-Berlin eine Akademie. Beratung, gar Belehrung stand nicht auf ihrem Stundenplan – wohl aber Repräsentation. Der Zusammenschluss der beiden Akademien aus West und Ost, zum Mustervorhaben der deutschen Wiedervereinigung erkoren, gestaltete sich unendlich mühselig. Um das Ergebnis fünfzehnjährigen Bemühens in aller Kürze – und gewiss auch Verkürzung – zusammenzufassen: Sie ist bis heute nicht wirklich gelungen. Der quälend lange Streit, wer ungeachtet seiner Biografie über die Vereinigung hinweg würdig sei, der Akademie anzugehören, legte sich wie Mehltau über die Sozietät. Ihre Mitglieder betragen sich meist wie gewöhnliche Vereinsmitglieder. Sie firmieren auf der Karteikarte, aber lassen die Vereinsführung alles Übrige machen.

Ja, machen hätte Muschg schon gerne wollen. Jedenfalls zielte die von ihm erstrebte Satzungsänderung in diese Richtung einer Art Intendanz. Doch der Graben zwischen der Leitungsebene im feinen neuen Haus am Pariser Platz und den sechs auf ihre Eigenständigkeit, besser gesagt Eigenbrötelei, bedachten Sektionen erwies sich als unüberbrückbar. Nun schmiss Muschg den Krempel einfach hin. Einen besseren Dienst hätte er der träge gewordenen Akademie nicht erweisen können. Denn einen Nachfolger dürfen die 377 Mitglieder guten Gewissens erst dann wählen, wenn sie sich darüber einig geworden sind, wozu ihr Verein dienen soll. Zur bloßen Repräsentation jedenfalls nicht – nicht in Berlin, der Hauptstadt eines schwierigen und der Beratung durchaus bedürftigen Landes. Genau dazu brauchen wir eine Akademie: als Instanz souveräner Geister, die sich dem Gemeinwohl verpflichtet fühlen und aus dieser Pflicht heraus Stellung beziehen. Ein solcher – mit Muschgs Abschiedsworten – „geistiger Fahrplan“ mag der Politik gefallen oder nicht, ihn kann die Öffentlichkeit annehmen oder zurückweisen: Aber hören wollen wir den Rat, vorgetragen mit einer starken Stimme.

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