Politik : Ein Fuchs im Bau der Justiz

Horst Schlitter

Er war der mächtigste Politiker Roms. Und soll einen Mafia-Mord befohlen haben. Italien wartet auf ein SchwurgerichtsurteilHorst Schlitter

"Das Recht", so war über den Richtern in ihrer schwarzen Toga und den mit grün-weiß-roter Schärpe geschmückten Geschworenen zu lesen, "ist für alle gleich". Diese Woche muss sich zeigen, ob das hehre Versprechen wahr wird. Denn die Beschuldigten, die sich im Schwurgerichtssaal im mittelitalienischen Perugia bislang gegenübersaßen, könnten verschiedener nicht sein: Da sind bekannte Mafia-Bosse und von ihnen angeblich beauftragte Killer. Aber dann sitzt da, in einer Haltung, die Langeweile auszudrücken scheint, ein Mann, der die italienische Geschichte der Nachkriegszeit geprägt hat: Giulio Andreotti. 21mal war der Spitzenpolitiker Minister, siebenmal Ministerpräsident in Rom.

Die Anklage lautet auf Mord. Aber der langjährige Regierungschef scheint von einer zarten Aura überstrahlt, die ihm die beinahe historischen und auch jüngere Ehrungen verleihen: Im Senat hat er bis heute noch seinen Platz neben 315 gewählten Volksvertretern. Seinen 80. Geburtstag feierte er zu Anfang des Jahres im Kreis prominenter Freunde, darunter auch einige Politiker und Journalisten. Ihnen konnte er zufrieden ein Glückwunschtelegramm des Papstes vorlegen, in dem der Pontifex Maximus mit aller Vorsicht den Wunsch äußert, "dass sich Lasten und Leiden für Sie und die ganze italienische Gesellschaft als Quelle des Wohls erweisen können".

Dass Andreotti in gebeugter Haltung der Verhandlung folgt, hat wenig zu besagen - Rückenprobleme plagen ihn seit langem. Aber nun scheint ihn auch sein berühmter Wortwitz verlassen zu haben. Zu den Beschuldigungen der Anklage sagte er matt: "So etwas kann man sich doch nur in einem Zeitungskommentar oder im Feuilleton erlauben, aber nicht in einem Strafprozess."

Drei Jahre und fünf Monate lang haben die beiden Berufs- und sechs Laienrichter beim Andreotti-Prozess dem seltsamen Gespann von Angeklagten gegenübergesessen. Während über Mittelitalien schwere Herbstgewitter niedergingen, zog sich das Kollegium diese Woche in den mit allen Sicherheitsfinessen ausgestatteten düsteren Gerichtsbau zur Beratung zurück. Wie die Kardinäle im Konklave dürfen die acht Richter keinen Kontakt mit der Außenwelt aufnehmen. Zum Schlafen nehmen sie mit den Betten einer benachbarten Polizeikaserne vorlieb. Offiziell wird kein Termin genannt, aber Ende dieser Woche, so heißt es in Perugia, soll das Urteil feststehen.

Reuige packten aus

Italiener hatten noch nie eine hohe Meinung von ihren Politikern. Das gilt heute so wie in der inzwischen untergegangenen "Ersten Republik" zwischen 1945 und dem Ende der achtziger Jahre. Trotzdem kann es auch jetzt ein großer Teil der Bevölkerung einfach nicht fassen, dass der vor allem in frommen Kreisen hoch geehrte Andreotti mit der Mafia gemeinsame Sache gemacht haben und damit selbst zum Verbrecher geworden sein soll.

Vor dem Schwurgericht in der umbrischen Regionalhauptstadt steht der praktizierende Katholik, Freund vieler Päpste und Senator auf Lebenszeit unter der Anklage, die Ermordung eines ihm unbequemen Journalisten angeordnet zu haben. Auf Prozessbesucher, die im Lauf der dreieinhalb Jahre immer weniger und erst gegen Ende wieder zahlreicher wurden, machte der römische Politiker einen nur wenig interessierten Eindruck. Nach eigenen Angaben schrieb er während der Hauptverhandlung mehrere Artikel und eine Kurzgeschichte. Wo immer sich ihm die Gelegenheit bot, gab er Interviews zur außenpolitischen Situation und aktuellen Fragen seines Landes. Nur zu den beiden laufenden Verfahren in Perugia und Palermo machte er keine Angaben.

Enthüllungen eines Journalisten

Unter normalen Umständen wäre nichts von der unglaublichen Geschichte im weiten Feld zwischen Politik und organisiertem Verbrechen aktenkundig geworden. Aber nach der Ermordung der Staatsanwälte und Mafia-Jäger Falcone und Borsellino erklärten reuige Mafiosi mit plausiblen Argumenten und Hinweisen, es gebe eine enge Zusammenarbeit zwischen "Cosa nostra" und maßgeblichen Regierungskräften. Vor allem der von der amerikanischen Justiz "ausgeliehene" Mafioso Tommaso Buscetta, der schon mehrere Mafia-Bosse hinter Gitter gebracht hatte, wiederholte eine Reihe von Aussagen, die er allmählich auf einen Brennpunkt konzentrierte: Für die Familien der sizilianischen Unterwelt sei Andreotti eindeutig der politische Bezugspunkt.

Die Justiz ging den Vorwürfen in umfangreichen Untersuchungen nach, die dann in zwei Prozesse mündeten: In Palermo versucht die Anklage den Beweis dafür zu erbringen, dass der angeblich in zwielichtigen Kreisen als "Onkel" angesprochene Ehrensenator intime Verbindung mit Riina, dem Kopf einer wichtigen "Unterwelt-Familie", unterhielt. Ans Lächerliche grenzten die Versuche von Anklage und Verteidigung, Andreottis "Bruderkuss" auf die Wangen Riinas als erwiesen beziehungsweise frei erfunden hinzustellen. Nach Überzeugung der Staatsanwälte von Palermo, die inzwischen eine 15-jährige Freiheitsstrafe beantragt haben, wirkte der Christdemokrat in Rom bei Politik und Justiz als Lobbyist der sizilianischen Cosa Nostra. Durch seine Hilfe sei vielen Verbrechern ihre Strafe erspart geblieben. Die Mafia ihrerseits hätte sich mit Machtzuwachs und Wählerstimmen zugunsten der "Democrazia Cristiana" revanchiert.

Hingegen ist die Thematik der Richter in Perugia strafrechtlich weitaus gewichtiger. Der mit seinen Recherchen nicht gerade zimperliche Journalist Carmine (Mino) Pecorelli, Leiter einer Enthüllungs-Agentur und Chefredakteur des von vielen Funktionären gefürchteten Magazins "OP", drohte, vertrauliches Material zusammenzutragen und zu veröffentlichen, das Andreotti bloßgestellt und vielleicht sogar in den politischen Ruin getrieben hätte. Im Mittelpunkt standen Briefe des im Jahr zuvor von den Roten Brigaden entführten und später ermordeten christlich-demokratischen Politikers Aldo Moro. Pecorelli behauptete, der später von der Mafia ermordete Carabinieri-General Carlo Alberto Dalla Chiesa habe ihm Zugang zu den Papieren verschafft, die den Parteifreund Andreotti in einem schlechten Licht erscheinen ließen. Weitere Pfeile im Köcher des Enthüllungs-Journalisten waren offenbar Hinweise auf illegale Parteienfinanzierungen in großem Umfang, die Andreotti hätten desavouieren können.

Den Anklagevertretern Fausto Cardella und Alessandro Cannevale in Perugia genügte das. Sie erkennen darin ein dringendes Motiv des Ehrensenators, um den lästigen "OP"-Chef mit Gewalt aus dem Weg räumen zu lassen. Die Mafia-Bosse sollen dann die Tat befohlen haben. Rechtsanwalt Franco Coppi und seine 15 Kollegen, die den früher unangreifbaren christdemokratischen Politiker verteidigten, weisen hingegen jede Anschuldigung als Phantasieprodukt zurück. Und Andreotti, der nie die Spur einer Schuld zugegeben hat, kommentierte beinahe wehleidig: "Körperlich haben sie mich nicht umbringen können. Jetzt muss die Justiz zu diesem Zweck herhalten."

Im Verlauf von 160 Sitzungen seit Prozesseröffnung am 1. Juli 1996 entwickelte sich das im ganzen Land mit immer wiederkehrendem Interesse verfolgte Verfahren zum Prozess der Rekorde. Der Aktenberg wuchs im Laufe der Zeit auf unvorstellbare 650 000 Seiten an. Der fleißigste Angeklagte Claudio Vitalone legte über drei Jahre lang zwischen Rom und Perugia 16 000 Kilometer zurück, um wirklich jedem Verhandlungstag beizuwohnen. Alle anderen machten, zumindest gelegentlich, von ihrem Recht Gebrauch, einen Teil der Prozesstage zu schwänzen.

Verzicht aufs Schlusswort

Anklage und Verteidigung beriefen 231 Zeugen, 20 Advokaten nahmen Verteidigung und Zivilklage wahr, die Staatsanwälte brauchten 33 Stunden, ehe sie ihren Strafantrag aussprachen: fünfmal Lebenslang. Nur zwei der "kriminellen" Angeklagten meldeten sich zu Wort, um eine Schlusserklärung abzugeben. Andreotti, ganz im Gegensatz zu seiner viel geübten Kunst, wirkungsvoll zu formulieren, verzichtete darauf.

Neben den beiden männlichen Berufsrichtern suchen auch zwei Frauen in Zivil nach dem gerechten Urteilsspruch, auf den das Land wartet: eine Anwältin und eine Arbeiterin. Ihnen stehen als Geschworene ein Lehrer zur Seite, zwei Handwerker und ein Unternehmer. Sie wissen alle, dass der schlaue Fuchs Andreotti bis zum heutigen Tag zwar häufig ins Zwielicht geraten ist, doch während seiner politischen Karriere noch niemals verurteilt werden konnte. Das Verfahren von Perugia wird dieser Unversehrtheit entweder ein Ende bereiten, oder die Justiz erleidet selbst einen empfindlichen Schlag: Nach einem Freispruch Andreottis würde in Zukunft die bisher oft entscheidende Hilfe der reuigen Kronzeugen aus dem Milieu viel von ihrer Kraft verlieren.

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