Ein Jahr unter Mohammed Mursi : In Ägypten herrscht mehr Frust statt Freude

Am 30. Juni ist Ägyptens Staatschef Mohammed Mursi ein Jahr im Amt. Zunächst war die Euphorie im Land ähnlich groß wie die Erwartungen. Doch der Unmut gegen Mursi wächst.

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Ein paar Anhänger Mursis ziehen auf die Straße. Foto: Reuters
Ein paar Anhänger Mursis ziehen auf die Straße.Foto: Reuters

Sein großer Jubeltag scheint inzwischen Lichtjahre her. Die ganze Nation hing damals am Fernseher, als Mohammed Mursi auf der Rednertribüne mit beiden Händen sein Jackett aufriss und der jubelnden Menge auf dem legendären Tahrir-Platz seine breite Brust unter weißem Hemd darbot. „Seht her, ich habe keine Schutzweste, die brauche ich nicht, wenn ich mit meinem Volk zusammen bin“, rief er den Zehntausenden zu. Tags darauf besiegelte der erste demokratisch gewählte Staatschef der ägyptischen Geschichte mit seiner Vereidigung offiziell das Ende der Militärregierung.

Am 30. Juni, dem kommenden Sonntag, ist Mohammed Mursi, Muslimbruder seit seiner Studienzeit und gelernter Brückeningenieur, nun ein Jahr im Amt. „Ich werde dem gesamten Volke dienen“, deklamierte der Neuling damals und schwor feierlich, er trete ein für einen zivilen Staat und plane keine „Islamisierung der staatlichen Institutionen“. Den koptischen Christen versprach er, er werde immer ein offenes Ohr für ihre Anliegen haben.

Ein Jahr danach ist von diesen hehren Absichten kaum noch etwas zu erkennen. Die post-revolutionäre Euphorie ist verdampft, in großen Teilen der Bevölkerung herrschen Frustration und Zukunftsangst. Wie fremde Heerscharen stehen sich die beiden politischen Großlager von Islamisten und Säkularen gegenüber. Misstrauen und Verdächtigungen vergiften das politische Klima, während Wirtschaft und öffentliche Sicherheit dem Staatszerfall entgegenschlittern.

Dabei hatte Mursis Regierungsstil der autoritären Überraschungen anfangs auch bei seinen Gegnern anerkennendes Staunen ausgelöst. Mit einem Handstreich entmachtete er per Präsidialdekret den bis dahin allgewaltigen Obersten Militärrat, schickte die Soldaten zurück in die Kasernen und Ewig-Feldmarschall Mohammed Hussein Tantawi in den gut dotierten Ruhestand. Beim Blockfreien-Gipfel in Teheran verblüffte der fromme Debütant mit seiner ungeschminkten Attacke auf das syrische Regime und dessen iranische Schutzpatrone. Nach dem Gaza-Waffenstillstand im vergangenen November sprach US-Präsident Barack Obama in höchsten Tönen von ihm. „Time Magazin“ erklärte Mursi auf dem Titel zum „wichtigsten Mann des Nahen Ostens“.

Doch als dieser wenig später auch noch die gesamte Judikative ausschalten wollte, gingen die Bürger erstmals auf die Barrikaden. Der Islamist an der Staatsspitze verschaffe sich diktatorische Vollmachten und gebärde sich wie ein neuer Pharao, schlimmer als Mubarak, wetterten die Oppositionsparteien. Im Gegenzug wies Mursi die Zweidrittel-Mehrheit aus Muslimbrüdern und Salafisten in der Verfassunggebenden Versammlung an, die 211 Artikel in einer Nacht- und Nebelaktion zu verabschieden. Wochenlange Straßenkämpfe folgten, Zehntausende belagerten den Präsidentenpalast. Am Ende stimmten zwanzig Prozent der Wahlberechtigten dem neuen post-revolutionären Grundgesetz zu, zehn Prozent waren dagegen, siebzig Prozent hielten sich fern. Ägyptens Start in das Post-Mubarak-Zeitalter hätte nicht katastrophaler ausfallen können. Mindestens ein Drittel der Bürger fühlt sich durch Mursis Überrumpelungstaktik von der Mitgestaltung der neuen post-revolutionären Charta ausgeschlossen. Wie eine Krebsgeschwulst frisst sich diese Erfahrung seitdem in die politische Kultur des Landes hinein.

Seit Wochen trommeln junge Aktivisten mit ihrer Aktion „Tamarud – Rebellion“ für ein millionenfaches Referendum per Unterschrift. 15 Millionen Mursi-Gegner sollen sich bereits registriert haben, um den Präsidenten am 30. Juni mit einer landesweiten Mega-Demonstration zum Rücktritt zu zwingen. Selbst die höchsten religiösen Autoritäten des Landes, in den vergangenen Tagen von dem bedrängten Staatschef intensiv umworben, gingen auf Distanz und weigerten sich demonstrativ, dem Volk die geplanten Manifestationen auszureden. Al-Azhar-Chef Ahmed al Tayeb, der hochrangigste islamische Gelehrte Ägyptens, ließ erklären „friedliche Demonstrationen seien mit der Scharia absolut vereinbar“.

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