Politik : Ein Kampf um Tabus

METALLER IM STREIK

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Von Alfons Frese

BadenWürttemberg ist nicht Ostdeutschland. Im Osten hat die IG Metall vergangenen Sommer schwer was auf die Mütze gekriegt, der Arbeitskampf für kürzere Arbeitszeit ging krachend verloren. Im Südwesten beginnt nun der Kampf der Gewerkschaft gegen längere Arbeitszeit. Normalerweise wollen die Metaller mit Warnstreiks die Arbeitgeber vor zu viel Unnachgiebigkeit warnen und ihrer Forderung Gewicht geben; denn ohne Druck zahlt kein Chef mehr Geld. In diesem Frühjahr ist das anders. Noch mit dem Schwung des Sieges im Osten wollen die Metallarbeitgeber auch im Westen endlich mal gegen die IG Metall punkten. Doch nirgendwo sonst ist die IG Metall so kampfstark wie in Baden-Württemberg – beim Daimler, bei Porsche und bei Bosch. Deshalb kann sich niemand einen Arbeitskampf wünschen, der sich über Wochen hinzieht und die ganze Republik mitleiden lässt: Der zarte Aufschwung ist vorbei, wenn im Kernbereich der Industrie die Räder stillstehen.

Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall mutet „der anderen Feldpostnummer“, wie Arbeitgeberpräsident Martin Kannegiesser die IG Metall beschreibt, eine Menge zu. Vermutlich zu viel. Zwei Tabus der einst mächtigen und noch immer nicht schwachen Gewerkschaft will Kannegiesser knacken: Erstens die Verlängerung der Arbeitszeit bis zu 40 Wochenstunden. Zweitens eine betriebliche Öffnungsklausel – Firmenchefs und Betriebsräte sollen darüber entscheiden dürfen, wie die Verlängerung ausfällt und wie sie bezahlt wird. IG-Metall-Chef Jürgen Peters nennt dieses Ziel der Arbeitgeber „kühn“ und mobilisiert derweil die eigenen Truppen.

1984 forderte die IG Metall erstmals die 35-Stunden-Woche, elf Jahre später war das Ziel erreicht. Unter anderem auch erkämpft in einem Streik in Baden-Württemberg. Jahrzehntelang war die kollektive Arbeitszeitverkürzung das beschäftigungspolitische Ziel der deutschen Gewerkschaften. Wenn die Arbeitszeit reduziert wird, dann muss die Arbeit auf mehr Arbeiter verteilt werden, es werden zusätzliche Kräfte eingestellt, die Arbeitslosigkeit sinkt. An diese Rechnung glauben noch viele Metaller. Zum Beispiel der Stuttgarter IG-Metall-Chef Jürgen Stamm, der 12500 Arbeitsplätze allein am Neckar verschwinden sieht, wenn die Arbeitszeit von 35 auf 40 Stunden verlängert würde. Wie realistisch solche Rechnungen auch immer sein mögen – die IG Metall wird jedenfalls den Rückweg zur 40-Stunden-Woche niemals mitgehen.

Das wollen wir auch gar nicht, sagen die Arbeitgeber. Die Mehrarbeit sei doch nur für die Betriebe gedacht, denen es nicht gut gehe oder die für eine zusätzliche Investition am Standort Deutschland bessere Bedingungen, also niedrigere Kosten brauchten. Und überhaupt: Wenn die Betriebsräte nicht zustimmten, bleibe sowieso alles beim Alten, also bei 35 Arbeitsstunden die Woche. Diese Argumentation ist scheinheilig. Denn welcher Betriebsrat sagt schon nein, wenn die Firmenleitung die Arbeitsplätze nur für den Fall garantiert, dass alle länger arbeiten? Möglicherweise auch ohne mehr Geld. Und selbstverständlich würde die Verlängerung der Arbeitszeit in dem Betrieb Meier bei dessen Wettbewerber Müller eine Reaktion provozieren. Denn wenn Müller weiter 35 Stunden die Woche arbeiten lässt, Meier aber 40, dann hat Müller bald ein Problem. Und das gilt für die meisten Metallfirmen, aus Einzelfällen würde die Regel.

Doch was heißt Einzelfälle? In Tausenden so genannter betrieblicher Bündnisse für Arbeit haben sich die Betriebsparteien auf Maßnahmen zur Kostenreduzierung geeinigt, zumeist auf eine längere Arbeitszeit. Und überhaupt die Arbeitszeit. Im Schnitt arbeiten die Metaller im Westen knapp 39 Stunden die Woche, die 35-Stunden-Woche ist nicht mehr als eine Illusion. Oder eine Lebenslüge der IG Metall, die sich nicht an Symbolen verkämpfen sollte. Wenn die Gewerkschaft in Baden-Württemberg vermutlich auch jede Tarifschlacht gewinnt – der Osten macht da nicht mit und verabschiedet sich endgültig vom Flächentarif. Auch deshalb ist diese Tarifrunde so einzigartig. Und weil die Tarifparteien das wissen, werden sie einen Kompromiss zu Stande bringen. Oder noch bedeutungsloser werden.

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