Politik : Ein kleines Dorf wird Spaniens Atomfriedhof

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Madrid - Im kleinen Provinzdorf Zarra, im Hinterland der Costa Blanca, brodelt es. Seit Spaniens sozialistischer Regierungschef Jose Luis Zapatero andeutete, dass der Atommüll der Nation hier seine vorerst letzte Ruhestätte finden könnte, ist Zarra zum Zentrum der spanischen Anti-Atom-Bewegung geworden. „Nein zum Zwischenlager“, brüllen hunderte Demonstranten, die sich auf der Hauptstraße niederlassen – bis die Polizei sie von der Fahrbahn zieht.

Zarras Bürgermeister, Juan Jose Rubio, versteht die Aufregung nicht. Er hat sein verschlafenes 600-Einwohner-Dorf als Spaniens Nuklearfriedhof vorgeschlagen, um „Arbeit zu schaffen“. Im Wettbewerb mit einem Dutzend weiterer Dörfer im Land, die sich ebenfalls um das Zwischenlager bewarben, hatte er die Nase vorn.

Endgültig entschieden ist dies aber noch nicht: In Spanien läuft der Wahlkampf für die Regionalwahlen im Frühjahr 2011 an. Zapateros Sozialisten befinden sich im Umfragetief. Und die Genossen ahnen, dass sich mit Themen wie einem nuklearen Zwischenlager kaum neue Wählerstimmen gewinnen lassen. Auch wenn der Atommüllbunker, der die alten Brennstäbe aller spanischen Kernkraftwerke aufnehmen soll, 700 Millionen Euro an Investitionen und 500 Arbeitsplätze für die Region bringen soll.

Eine strukturschwache Region im Hinterland der Mittelmeerküste, auf halber Strecke zwischen Alicante und Valencia, die schon Atomstandort ist: Rund 20 Kilometer nördlich von Zarra liegt das 26 Jahre alte Kernkraftwerk Cofrentes. Eine von acht Atomstromfabriken in Spanien. Die Atommülldepots auf den Kraftwerksgeländen sind voll. Zudem ist Spanien verpflichtet, große Mengen Nuklearschrott zurückzunehmen, der nach Frankreich verschoben worden war.

Zapatero hatte bei Amtsantritt den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie versprochen, auslaufende Betriebslizenzen sollten nicht verlängert werden. Doch angesichts der tiefen Wirtschaftskrise, mangelnder Investitionen in alternative Energien, vernachlässigtem Klimaschutz und großer Abhängigkeit vom Atomstrom (23 Prozent) scheint diese Zusage zu bröckeln: Bereits vor einem Jahr verlängerte die Regierung die Betriebserlaubnis eines betagten Meilers im nordspanischen Garona, der vor 40 Jahren anlief. Eine „Zeitbombe“, finden spanische Umweltschützer, die gegen diese neue Gnadenfrist vor Gericht gezogen sind. Ralph Schulze

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