Politik : Ein leidenschaftlicher Abwäger

Wie Pinkwart seine überraschende Kandidatur in NRW begründet

Jürgen Zurheide[Düsseldorf]

Andreas Pinkwart ist in Erklärungsnot. Immer wieder wird er gefragt, wie spontan sein Entschluss gewesen sei, am späten Sonntagnachmittag doch für das Amt des Parteichefs bei den nordrhein-westfälischen Liberalen zu kandidieren. Pinkwart redet davon, dass er von den liberalen Freunden aus Köln in die Pflicht genommen worden sei und er sich nicht habe entziehen wollen. Dann fügt er den Satz hinzu, der schon am Vortag viele hat aufhorchen lassen: „Politik hat etwas damit zu tun, ob man etwas spürt, das in einem brennt – und ich habe gespürt, es brennt.“ Der Rest ist bekannt. Nach diesem emotionalen Ausbruch haben ihn etwas mehr als die Hälfte der Delegierten zum neuen FDP-Chef im größten Bundesland gewählt.

Ulrike Flach schüttelt noch am Tag danach den Kopf: „Ich arbeite jetzt seit sechs Jahren mit Andreas Pinkwart zusammen, aber Leidenschaft ist bei mir nie richtig rübergekommen.“ In der Tat hatte ihr Kollege als Stellvertreter von Jürgen Möllemann nie den Eindruck vermittelt, ein politischer Heißsporn zu sein. Ganz im Gegenteil, der Ökonomieprofessor der Universität Siegen ist als wohl abwägender Redner bekannt. Aufgefallen war freilich, dass er in den vergangenen Wochen die eine oder andere Volte geschlagen hat. Frühzeitig war er gegen Möllemann aufgestanden und wollte ihn herausfordern, als andere noch zögerten. Doch dann ließ er sich wieder einfangen, verabredete erst einen Kompromiss mit Ulrike Flach, unterstützte bis zum Vortag des Parteitreffens Rolf Köster, um sich dann plötzlich von den Parteifreunden bedrängen zu lassen.

Seiner Wahl war eine erstaunliche Regie des Parteitagspräsidiums vorausgegangen. Joachim Schultz-Tornau, der frühere Vorsitzende des Landesverbandes, hatte zwar auf der Rednerliste weit vorne gestanden, aber seine Wortmeldung war plötzlich verschwunden. Stattdessen sprach am Ende der Aussprache Andreas Pinkwart. „So habe ich den noch nie gesehen“, sagten viele erstaunt. Als wenig später Guido Westerwelle verhinderte, dass kritischen Fragen gestellt werden konnten, schloss sich für viele der Kreis. „Das war abgesprochen, man muss sich doch nicht doof stellen“, urteilt einer der unterlegenen Mitbewerber. Pinkwart ficht das nicht an. Der 42-Jährige lächelt höflich, wenn man ihn nach der Inszenierung fragt, und schüttelt nur mit dem Kopf.

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