Politik : Ein Mann aus Wörtern

Er war noch ein Kind, als ihn diese Leidenschaft überfiel: die Liebe zur Rechtschreibung. Heute ist er führender Orthografieexperte Deutschlands und korrigiert sogar die Schriften des Papstes. Und das Seltsame ist: Christian Stang hat nicht einmal Abitur.

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Der Schriftgelehrte. Christian Stang, Autor und Koautor von 30 Sprachbüchern. Foto: dpa
Der Schriftgelehrte. Christian Stang, Autor und Koautor von 30 Sprachbüchern. Foto: dpaFoto: picture alliance / dpa

Während die Welt um ihn herum auch an diesem kalten Dezemberfreitag immer tiefer in Regellosigkeit und Unordnung versinkt, macht Christian Stang das, was er am liebsten tut: Er schreitet ein. Er betritt einen großen, quadratischen Raum im Süden der Stadt Regensburg und sagt neun jungen Menschen ins Gesicht: „Wir haben beim letzten Mal ausgemacht, dass wir uns heute mit dem Thema Anführungszeichen auseinandersetzen.“

Stang fängt umgehend damit an. Die Anführungszeichen, sagt er, tragen auch den Beinamen Gänsefüßchen, „weil sie so aussehen wie der Fußabdruck einer Gans“. Die neun jungen Leute, sieben Frauen, zwei Männer, schauen ihn konzentriert an. Sie sitzen ihm gegenüber, an zu einem großen U zusammengeschobenen Tischen. Auf dem U haben sie ihre Ausrüstung für die folgenden eineinviertel Stunden deponiert, Federmappen und Brillenetuis und eine Papiertaschentücherpackung. Ein Thermosbecher steht da auch noch und eine Wasserflasche. Schals um Hälse, Jacken über Oberkörpern.

Über allem, an der Decke, sind Leuchtstoffröhren montiert. Die Wände gilben vor sich hin. Der Raum heißt S 014, und das würfelförmige Haus, in dem er sich befindet, heißt Sammelgebäude.

Die neun Menschen sind Studenten an einer deutschen Großuniversität, und sie arbeiten sich ab an einer der größten deutschen Bildungslücken, an einem stetig wachsenden Trümmerhaufen aus Unvermögen, an der zunehmenden Unfähigkeit der hiesigen Einwohnerschaft nämlich, sich in ihrer eigenen Sprache schriftlich und korrekt mitzuteilen. Sie haben sich dafür den vielleicht besten Mann im Land ausgesucht. Sie belegen den Rechtschreibkurs von Christian Stang.

Es vergeht mittlerweile kein Jahr mehr, in dem das Ausmaß der deutschen Lese- und Rechtschreibschwäche nicht vermessen wird und schließlich in Urteile gegossen zutage tritt. Im Sommer erst kam eine Erhebung an 135 geisteswissenschaftlichen Universitätsfakultäten zu dem Befund: „Eine halbwegs akzeptable Fähigkeit zur Teilhabe an der Schriftkultur bringen immer weniger Studierende mit.“ Im Jahr 2011 diagnostizierte der Rat für deutsche Rechtschreibung nach Auswertung mehrerer Studien: „Jeder fünfte 15-Jährige ist ein Analphabet“, womit jedoch keine komplette Ahnungslosigkeit, aber immer noch „eine orthografische Desorientierung“ gemeint war. 2010 stellte der Autor einer Vergleichsuntersuchung fest, dass Viertklässler um die Jahrtausendwende doppelt so viele Schreibfehler machten wie ihre Altersgenossen 30 Jahre zuvor. Ein anderer erkannte die Hälfte der Schulabgänger als „rechtschreibschwach“.

Stang steht vor der Tafel. Es sind erst ein paar Minuten vergangen seit seinen in die Welt der deutschen Anführungszeichen und ihrer Spitznamen führenden Erläuterungen, aber er und seine Studenten sind schon Meilen weiter. Es geht nun um die Kommasetzung vor und nach einer wörtlichen Rede, um Einfügungen und Auslassungspunkte in ihrer Mitte, um die Sorten von Klammern, die unter welchen Umständen um sie herum zu setzen sind. Es geht um den Kosmos der Interpunktion, der Zeichensetzung, die im Deutschen wesentlich stärker normiert ist als in anderen europäischen Sprachen. Es gibt Kannregeln und Mussregeln, Stang sagt: „Ein Hassthema.“

Dass die Studenten dennoch in der Lage sind zu folgen, dass sie sogar Fragen nach Spitzfindigkeiten wie dem Wechsel der Schriftgröße bei längeren wörtlichen Zitaten in wissenschaftlichen Arbeiten stellen, mag daran liegen, dass sie nicht in Deutschland zur Schule gegangen sind. Sie kommen aus Ost-, Süd- und Westeuropa und aus Asien. Sie sitzen an diesen Regensburger Universitätstischen, weil sie daheim bereits an welchen gesessen haben. Sie wollen ihre Abschlusszeugnisse von dort noch um hiesige Zusatzzertifikate ergänzen, auf dass sie amtlicherseits auch hier als Hochschulabsolventen anerkannt werden.

Von den Sprachschwierigkeiten ihrer deutschen Kommilitonen ahnen sie nichts. Sie wissen deshalb auch nicht, dass sie der spektakulärsten Antithese der deutschen Schreib- und Leseschwächenforschung gegenübersitzen. Stang, ihr Dozent da vorne, der seit Jahren regelmäßig „der Rechtschreibpapst“ genannt wird, hat nämlich nicht einmal das Abitur.

„Wie heißt das Zeichen da?“, fragt eine Studentin und zeigt an die Tafel.

„Ausrufezeichen“, sagt Stang.

„Ausrufe?“

„Ausrufe.“

Christian Stang, im Jahr 1975 in Regensburg geboren und Postler von Beruf, liebt die deutsche Rechtschreibung. Diese Art Liebe ist wahrscheinlich ähnlich selten zu konstatieren wie die zur Arbeit des Deutschen Instituts für Normung oder zur Straßenverkehrszulassungsordnung. Bei Stang begann sie irgendwann in den ersten Jahren seiner Schulzeit. Er wünschte sich einen Duden zum Geburtstag. Um seinen 15. Geburtstag herum fing er an, regelmäßig die Sprachfachzeitschrift „Muttersprache“ zu lesen. Mit 18 wies er den Autoren eines Rechtschreibratgeberbuches mehrere Fehler nach. Der Verlag lud ihn daraufhin ein, selbst ein Rechtschreibbuch zu schreiben.

Warum genau es damals zu all dem gekommen ist, vermag Stang nicht mehr zu ergründen. Er kann nur davon ausgehen, sagt er, dass es eine große Sprachfaszination bei ihm gegeben haben muss. Konkreteres könne er nur mutmaßen. Aber es müsse damit zu tun gehabt haben, dass Sprache so etwas Alltägliches ist. „Man ist immer von ihr umgeben“, sagt er. „Und ich wollte eben in jenes System eindringen, das wirklich jeder benutzt, das immer da ist.“ Immer da, so wie die Luft.

Mittlerweile hat Stang an 30 Sprachbüchern mitgearbeitet oder sie gleich ganz selbst geschrieben – für den Dudenverlag zum Beispiel, für Langenscheidt, für Hueber und Humboldt. Spätestens, als sich sein Werk „Duden: Deutsche Rechtschreibung – kurz gefasst“ bestsellermäßig verkaufte, ist er dann zum Beantworter erster und letzter Fragen geworden. Die meisten davon erreichen ihn per E-Mail.

„Lieber Herr Stang, bitte helfen Sie uns, da wir im Duden keine Aussage darüber finden, wenden wir uns an Sie als verbrieften Lokalmatador in Sachen Orthografie. Schreibt man: Die kleinen unter den Schülern oder: Die Kleinen unter den Schülern? Wenn Sie Zeit haben für eine Antwort freuen wir uns sehr, läuft wohl unter Amtshilfe :-)

Freundliche Grüße, G. S., Schulleiterin.“

„Liebe Frau S., in dem von Ihnen genannten Fall ist ausschließlich die Kleinschreibung korrekt: ,Die kleinen unter den Schülern.’ Es kommt hier § 58 (1) der amtlichen Regelung zur deutschen Rechtschreibung zum Einsatz“ und so weiter und so fort, es folgen die Regel und einleuchtende Beispiele und „Ein frohes Weihnachtsfest und alles Gute für das neue Jahr wünscht Christian Stang“.

Jeden Morgen beantwortet er Anfragen wie diese, bevor er sich aufmacht aus seinem Büro in die Seminarräume und seine Kurse abhält. Er gibt Kurse für deutschlernwillige Fremdsprachler, für Sekretärinnen, Tutoren. Seit einem guten Jahr arbeitet Stang hier an der Universität, seine Abteilung heißt Zentrum für Sprache und Kommunikation, die Unterabteilung Orthografie- und Normberatungsstelle. Mittlerweile erbitten auch Germanisten und angehende Deutschlehrer seinen Rat. Sogar der Papst gehört zu seiner Kundschaft. Stang liest dessen Schriften gegen.

Und, ist tatsächlich alles schlimmer geworden, Herr Stang? Könne er so pauschal nicht sagen, sagt er, es seien heute keine gröberen Fehler auszumachen als früher. Was er aber sagen könne, ist, dass seit ein paar Jahren zumindest das Ausmaß der Misere klar zu werden scheint. Internet, sagt Stang, da würden ja so manche zu Schreibern, deren diesbezügliche Fertigkeiten einem zuvor verborgen geblieben waren. Flächendeckende Sprachverschluderung sei zu beobachten.

Manchmal Bluthochdruck deswegen? „Nein.“

Warum nicht? „Ich will kein Oberlehrer sein. Es muss ja auch nicht alles schlecht sein, bloß weil es einen Makel hat.“

Schlecht sei aber zum Beispiel: die Kopplungspest. Oder besser gesagt, die Nichtkopplungspest, die greife um sich. „Allianz-Arena“, sagt Stang. Die schreibt sich nämlich arenaintern fälschlicherweise Allianz Arena, aus Grafikmodegründen wohl, und alle machen es nach. Wobei die Allianz-Arena wiederum andere nachgemacht hat, und zwar ausgerechnet Firmen aus der Worthüterbranche, aus dem Verlagswesen. Dort habe das alles angefangen. Suhrkamp Verlag. Carl Hanser Verlag. Deutscher Taschenbuch Verlag. Verlags Wesen Unfug.

Große Verunsicherung greife um sich, sagt Stang, eine Entwöhnung vom Bindestrich, der ja kein Selbstzweck sei, sondern eine Funktion habe. So passiere es dann eben, dass sich die Regensburger Stadtverwaltung bei ihm meldet, die ein paar neue Straßennamen zu vergeben hat: Rupert-D.-Preißl-Weg, drei Bindestriche, wir haben nachgeschlagen, aber kann das stimmen? Ja, stimmt.

Zum Mitschreiben: Der Bindestrich hat – korrekt verwendet – wie alle Rechtschreibregeln die Funktion, Klarheit zu schaffen. In seinem konkreten Fall besteht die Klarheit darin, Zusammengehörendes auch zusammengehörend aussehen zu lassen. Stang sagt: „Rechtschreibung ist ein Kommunikationsmittel, ein Hilfsmittel zur reibungslosen Kommunikation.“

Falsche Schreibweisen erzeugen also Reibung. Sie bürden einem Leser jene Arbeit auf, die der Schreiber nicht willens war zu leisten. Oder nicht in der Lage dazu. Falsche Schreibweisen sind also immer ein bisschen asozial.

Folgerichtig braucht es auch immer etwas von der Stang’schen Großherzigkeit, um Fehler auszuhalten. Das ewig falsche Apostroph-s statt des apostrophlosen Genitivs zum Beispiel, ein Liebling der Verschluderungskritiker, gern angewandt im Einzelhandelsgewerbe. Uschi’s Lädchen, Willi’s Wandfarben. „Schon schlimm“, sagt Stang, „aber eben auch längst etabliert.“ Und mittlerweile in Einzelfällen sogar vom Rechtschreibregelwerk akzeptiert.

An Stellen wie dieser kommt dann oft der Hinweis, dass die Sprache im Fluss sei, dass sie kein Zustand ist, sondern ein Prozess. Sie und ihre Regeln ändern sich dauernd. Auch Stang hat diese Weisheit im Repertoire. Er findet das spannend, sagt er. Dieses sich dauernd Ändernde ist auch eine der größten Abwechslungen im Leben dieses Mannes, der sich die Tage und Nächte mit kaum etwas anderem als Rechtschreibung um die Ohren haut.

Man solle aber bloß kein Mitleid haben mit ihm, dafür bestehe kein Anlass. Er tue das gern. Schon allein, was sich bei der Arbeit für grundsätzliche Fragen auftäten in seinem Kopf. Warum benutzt man manchmal ein Dehnungs-h und manchmal wiederum ein -ie-? Wie kam es, dass sich die Menschen irgendwann dazu entschlossen, verbindliche Regeln einzuführen, wo sie es doch zuvor ohne welche miteinander ausgehalten hatten? Warum hat man sich ausgerechnet 1901 auf eine Vereinheitlichung dieser Regeln in allen deutschsprachigen Staaten geeinigt?

Außerdem bekommt Stang Anerkennung von ganz oben. Der Papst hat ihm einen Dankesbrief geschrieben. Im vergangenen Jahr bekam er die Verdienstmedaille des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland.

„Hör’n wir auf?“, fragt Stang seine Studenten im Seminarraum. „Seh’n wir uns nächste Woche? Haben Sie ein Lieblingsthema für nächste Woche?“

„Trennungen.“

„Trennungen? Okay.“

Sie treten noch gemeinsam vor die Tür. Die Studenten plaudern, sie sind umgeben von jeder Menge frischer Luft. Christian Stang ist es von Wörtern.

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