Politik : Ein sehr seltener Stoff

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Berlin - Die Frage, warum der frühere Spion des russischen Geheimdienstes Alexander Litwinenko ausgerechnet mit dem radioaktiven Schwermetall Polonium 210 vergiftet wurde – oder sich selbst vergiftet hat, ist schwer zu beantworten. Denn nach Auskunft von Fachleuten ist Polonium ein „sehr seltenes Element“. Nach Angaben des Bundesamtes für Strahlenschutz (BfS) kommt es in der Natur nur in sehr geringen Mengen vor. Die Herstellung ist „sehr aufwändig“, sagt auch Gerhard Schmidt, Atomexperte des Öko-Instituts.

Weltweit werden jährlich rund 100 Gramm des Stoffes hergestellt. Es gibt nur zwei technische Anwendungen: als thermoelektrische Batterie in der Raumfahrt und als Mittel, um statische Aufladung in empfindlichen Messgeräten zu verhindern. Früher sei es auch für antistatische Beschichtungen verwendet worden oder in Rauchmeldern, sagt Schmidt. Allerdings gibt es für beides längst Ersatzstoffe.

An sich ist Polonium nicht besonders gefährlich. Der Stoff gibt lediglich Alphastrahlen ab, die von Kleidung, der Haut oder einem Blatt Papier abgehalten werden können. Deshalb kann er mit einem Geigerzähler auch nicht gefunden werden, denn schon eine Plastikflasche würde reichen, um die Strahlung aufzuhalten. Damit Polonium gefährlich wird, muss der Stoff vom Körper aufgenommen werden, entweder über Getränke und Nahrung oder durch Einatmen. Dann genügen 0,1 Mikrogramm, um einen Menschen innerhalb weniger Tage zu töten. Die Strahlen zerstören Zellen im Körper. Besonders betroffen sind nach Auskunft von Uwe Oeh vom Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit (GSF) in München die Milz, die Leber und die Nieren. Ob der Stoff der Gesundheit schadet, ist eine Frage der Dosis. Obwohl Raucher Polonium mit jedem Zug aufnehmen, vergiften sie sich nicht tödlich damit. Denn innerhalb von 50 Tagen scheidet der Körper die Hälfte des Stoffes wieder aus. Die sogenannte biologische Halbwertszeit beträgt also 50 Tage. Die Halbwertszeit an der Luft, also die Zeit, bis zu der die Hälfte des Stoffes zerfallen ist, beträgt 138 Tage.

Wie die Täter im Fall Litwinenko an den Stoff herangekommen sind, dürfte eine „Preisfrage“ gewesen sein, meint Gerhard Schmidt. Und professionelle Geheimdienste hätten auf jeden Fall Zugang zu dem seltenen Stoff. deh

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