Politik : Ein Stück Heimat

Oliver Heilwagen

Für die religiösen Überzeugungen der fast zwei Millionen Moslems in Deutschland interessierten sich vor dem 11. September fast nur Spezialisten. Kein Wunder, dass nach den Terroranschlägen die Verunsicherung groß ist. Könnte nicht jeder scheinbar friedliche, moslemische Nachbar - wie die Attentäter um Mohammed Atta, der in Hamburg wohnte - ein so genannter "Schläfer" sein, der nur auf einen Einsatzbefehl zum ideologisch motivierten Massenmord wartet?

Diesem Generalverdacht will Nikola Tietze Einhalt gebieten. In ihrer Studie vergleicht sie Glaubensinhalte und -äußerungen junger Moslems in Deutschland und Frankreich, die sie interviewt hat. Der Band ging aus ihrer Dissertation hervor und wurde leider in soziologischem Fachchinesisch abgefasst. Dadurch bleibt dem Buch vermutlich die Aufmerksamkeit verwehrt, die es zweifellos verdient hätte.

Moslem sein in Mitteleuropa bedeutet etwas völlig anderes als in der arabischen Welt, wo Tradition, Mullahs und Machthaber die Formen der Religionsausübung vorschreiben. In der Diaspora aber kann der Gläubige selbst entscheiden, in welcher Weise er sich dem Islam zuwendet. Die Verfasserin unterscheidet vier Varianten: einen kulturalisierten, ideologisierten, ethisierten oder utopisierten Islam. Den beiden ersten Typen ist gemeinsam, dass es ihnen um Gruppenbildung geht; die beiden letzten Typen eint, dass der Akzent auf dem Glauben als privater Gewissheit liegt.

In Frankreich wie in Deutschland sind Moslems in der Minderheit. Doch die sie umgebende politische Kultur ist verschieden. Seit der Dritten Republik gilt in Frankreich das Gebot der Laizität, der strikten Trennung von Staat und Kirche. Religionsgemeinschaften haben juristisch den Status von privaten Vereinen. Bürger, die in diesem Kontext religiös begründete Forderungen erheben, greifen das Selbstverständnis des Staates an: Protest wird zum Politikum.

Die deutschen Kirchen sind dagegen Körperschaften des öffentlichen Rechts und genießen besondere Privilegien in einem Land, das sich als Kulturnation begreift. Personen, die einem nichtchristlichen Kulturkreis entstammen, werden daher stets als "Ausländer" wahrgenommen, auch wenn sie in der Bundesrepublik geboren sind.

Lange Zeit gelang es beiderseits des Rheins, Einwanderer ökonomisch zu integrieren. Ein kräftiges Wirtschaftswachstum erlaubte es. Diese Phase ist vorbei: Immigranten aus dem Maghreb in Frankreich wie junge Türken in Deutschland sind häufiger arbeitslos und finanziell schlechter gestellt als die Mehrheitsbevölkerung. Ihre Frustrationen kompensieren sie teilweise durch die Hinwendung zur Religion. Doch dies, so Tietzes These, sei nur von Vorteil.

Der Entschluss, in die Moschee zu gehen, stärke die eigene Identität. Mit dem demonstrativen Praktizieren seines Bekenntnisses könne er sogar Vorurteile besser verkraften: "Der Islam verleiht dem Anderssein etwas Positives." Denn Religion bleibt in der säkularisierten Moderne Privatsache.

Sogar diejenigen, die sich hier zu Lande einem ideologisierten Islam verschreiben, finden bei Tietze Verständnis: "So militant und radikal sie in ihren Aussagen auch sein mögen, diese jungen Muslime rufen weder zum bewaffneten Kampf noch zur Zerstörung des Abendlandes auf, sondern versuchen, ihre eigene soziale Stellung zu verbessern. Ihr Hauptanliegen ist es, sich vor Entfremdung zu schützen, um an der Gesellschaft teilhaben zu können, und nicht, um sie zu verändern." Damit hat Tietze die Haltung der meisten Moslems in Europa genau beschrieben. Wie man zum fundamentalistischen Terroristen wird, erklärt sie nicht.

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