Ein Tag bis zur US-Wahl : Warum die Swing States so wichtig sind

Die US-Präsidentschaftskandidaten kämpfen vor allem um den Sieg in den noch nicht festgelegten Staaten. Auf drei davon ist Trump besonders angewiesen.

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Auf die Swing States kommt es an
Auf die Swing States kommt es anInfografik: Ulla Schilli/Tsp

In 50 Bundesstaaten wählen Amerikas Bürger am Dienstag den Präsidenten und den Kongress. Den Wahlkampf der letzten Tage konzentrieren beide Kandidaten auf nur acht: Colorado, Florida, Iowa, Nevada, New Hampshire, North Carolina, Ohio, Pennsylvania. Sie gelten als die „Swing States“, wo sich der Ausgang entscheidet. Die übrigen 42 werden als „sicher“ betrachtet, entweder für die Republikaner oder die Demokraten. Drei Staaten sind 2016 besonders umkämpft: North Carolina, Florida und Pennsylvania. Dort haben Hillary Clinton und Donald Trump die meisten Auftritte. So erreichen sie Wählergruppen, die sie als strategisch entscheidend ansehen.

Im US-Wahlsystem wird jeder Staat für sich ausgezählt. Wer ihn gewinnt, egal ob knapp oder hoch, erhält alle Wahlmänner dieses Staats. Ihre Zahl richtet sich nach der Bevölkerungszahl. 270 sind nötig für den Sieg. Clinton hat im Endspurt zwei Vorteile. Die „sicheren“ Staaten geben ihr 216 Wahlmänner, Trump 164. Er muss fast alle „Battleground States“ gewinnen, sie nur drei oder vier. Und sie hat mehr prominente Helfer: Präsident Barack Obama, First Lady Michelle Obama, Ehemann Bill und Tochter Chelsea, Vizepräsident Joe Biden, Vizekandidat Tim Kaine, Ex-Rivale Bernie Sanders. Trump kann sich nur auf seinen Vize Mike Pence, seine Kinder und Ehefrau Melania stützen. Spitzenrepublikaner weigern sich nach seinen verbalen Ausfällen gegen Frauen, für ihn zu werben. So bringt Team Clinton es auf mehr als doppelt so viele Kundgebungen wie Team Trump.

North Carolina: „Black Vote“ und Unis versus weiße Landbevölkerung

Im Umland der Universitätsstadt Greenville im Osten North Carolinas müssen Demokraten eine hohe Frustrationsschwelle haben. „Die Republikaner haben alle Wahlämter im Landkreis“, seufzt Annett, eine 59-jährige Lehrerin. Sie ist mit ihrer schwarzen Freundin Gladie, einer 62-jährigen Bibliothekarin, zu Clintons Rally in Winterville gekommen. Gut tausend Leute haben sich auf dem Rasen vor dem Pitt County Community College, einer Art Berufsschule, eingefunden. „Aber es wird besser“, sagt Annett. „Die Leute, die aus der Stadt zuziehen, sind progressiver. Die meisten Beschäftigten des Community Colleges sowieso.“

Es überwiegen weiße Frauen über 50, etwa ein Drittel sind Schwarze. Viele tragen dunkelblaue T-Shirts mit dem Logo der Clinton-Kampagne: ein stilisiertes H. Ein anderes T-Shirt zeigt das ikonenhafte Bild der Frauenbewegung: eine Frau, die mit geballter Faust den Arm anwinkelt, so dass sich ihr Bizeps spannt, kombiniert mit der Warnung: „Don’t mess with a nasty woman!“ (Leg dich nicht mit einer garstigen Frau an!) Es spielt auf einen Ausruf Trumps in der letzten TV-Debatte an, als Clintons Angriffe ihm zusetzten.

Hillary Clinton braucht nur die Zustimmung von 3- bis 4 der noch unentschiedenen Staaten, um die die Wahl zu gewinnen.
Hillary Clinton braucht nur die Zustimmung von 3- bis 4 der noch unentschiedenen Staaten, um die die Wahl zu gewinnen.Foto: REUTERS

Erwartungsfrohe Rufe brausen auf, als Clintons Wagenkolonne mit Blaulicht in die Einfahrt biegt. Die Wände hinter dem Rednerpult sind mit zwei Postern geschmückt. „Stronger Together“, ihr Wahlkampfmotto. Und „Vote early“. Sie ruft: „Geht wählen! Nicht erst am Dienstag, nutzt die Option zum frühen Wählen.“

Sie braucht die Stimmen all ihrer potenziellen Wähler in North Carolina, auch in entlegenen Orten wie Winterville. Wenn sie den Staat gewinnt, sinken Trumps Chancen auf die Präsidentschaft. North Carolina gehört zudem zu den Staaten, wo die Demokraten den Republikanern einen Senatssitz abnehmen können. Vier brauchen sie, um die 2014 verlorene Mehrheit in der zweiten Kongresskammer zurückzuerobern. Und Gouverneur Pat McCrory, ein Republikaner, wackelt. Er hat sich mit dem „Bathroom“-Gesetz unbeliebt gemacht. Es schreibt Bürgern nach einer Geschlechtsumwandlung vor, welche öffentliche Toilette sie benutzen sollen. Das löste scharfen Protest aus.

In North Carolina geht es um Weißes Haus, Senat und Gouverneur

Weißes Haus, Senat, Gouverneur: in North Carolina geht es um einiges. Clintons Rede ist darauf ausgerichtet, Afroamerikaner und Frauen zum Wählen zu motivieren. Sie hat Mae Wiggins mitgebracht, eine schwarze Ex-Krankenschwester. Die hatte sich 1963 um eine Mietwohnung in einem sozial geförderten Bau der Trumps beworben, sie aber nicht bekommen, nach Wiggins Schilderung wegen ihrer Hautfarbe. „Noch heute spüre ich den Zorn“, erzählt sie und bricht in Tränen aus. „Dieses Unrecht ist noch nicht lange her“, nimmt Clinton den Faden auf. Solche Vorgänge hätten sie bewegt, in die Politik zu gehen. Die Diskriminierung heute geschehe, wenn Republikaner Schwarzen durch gezielte Auflagen das „Early Voting“ erschweren.

Dass ein Südstaat wie North Carolina zu den „Swing States“ zählt, zeigt, wie sich die politische Karte verändert hat. Barack Obama gewann ihn 2008, als erster Demokrat seit Jahrzehnten. 2012 verlor er ihn. In den Umfragen 2016 führt mal Trump, mal Clinton. Ihr bereitet Sorge, dass der Anteil der Afroamerikaner am „Early Voting“ in North Carolina sechs Prozentpunkte unter dem von 2012 liegt. Deshalb tritt Obama im Endspurt hier mehrfach auf – „to get the black vote out“: um die Schwarzen zu motivieren. 16 000 kamen am Mittwoch auf den Campus der University of North Carolina in Chapel Hill. Obama ist in der studentischen Jugend und bei den Schwarzen beliebter als Hillary. Auch er appelliert: „Vote early!“ Mit 14 000 Stimmen Vorsprung gewann er 2008. Das waren „zwei pro Wahllokal. Sage also niemand: Auf meine Stimme kommt es nicht an!“

Bei Trumps Auftritt wird die Stimmung zornig

Trump sieht das Risiko, dass North Carolina ihm entgleitet und den Weg ins Weiße Haus verbaut – und reagiert mit zwei kurzfristig anberaumten Zusatzauftritten. Sie zeigen, wie gespalten die USA sind: nach der Hautfarbe und nach der Trennungslinie urbane Zentren versus ländlicher Raum und Kleinstädte.

Das Geschäft an der Highway-Abfahrt Selma im Osten North Carolinas preist „Waffen und Munition“ an. 300 Meter weiter treffen sich abends Trumps Anhänger. Der Eigentümer von „The Farm“, einem großen Agrarbetrieb, hat ein Feld für die Kundgebung absperren und Parkplätze für 12 000 Gäste markieren lassen. Das Publikum ist nahezu ausschließlich weiß. Auf den ersten Blick sind es freundliche Menschen in lockerer Kleidung: kurze Hosen und Sandalen. Sie lachen und scherzen, während sie auf Trump warten, der eine Stunde Verspätung hat. Die Stimmung kann aber rasch umschlagen. Es bedarf nur weniger Stichworte der Eingangsredner – lokale Parteiobere, Vertreter des Veteranenverbands –, dann ertönen zornige Sprechchöre: „Lock her up!“ (Steckt sie ins Gefängnis!) Gemeint ist Clinton. Lauter Jubel ertönt, als auf den Videoschirmen ihr Gesicht im Fadenkreuz einer Waffe erscheint.

Donald Trump muss so gut wie alle Swing States gewinnen, um auf die 270 Wahlmänner zu kommen.
Donald Trump muss so gut wie alle Swing States gewinnen, um auf die 270 Wahlmänner zu kommen.Foto: REUTERS

Auch Trump beginnt mit der Aufforderung zum „Early Voting“. Dann konzentriert er sich auf eine negative Botschaft: Hillary ist eine Verbrecherin, Washington ist korrupt. Das wird ein Ende haben. Den Kriegsveteranen verspricht er, dass sie ihren Privatarzt frei wählen dürfen. North Carolina hat einen hohen Anteil von Militärangehörigen. Über sein Wahlprogramm erfahren seine Fans in Selma nichts. Nach 20 Minuten beginnen einige zu gehen – nicht weil Trump ihnen missfalle, wie sie sagen. Sie müssen am nächsten Morgen früh zur Arbeit.

Florida: Die Stimmen der Latinos entscheiden

Auch Florida ist ein Staat, wo man, je nach Wahlkreis, zwei, drei Wochen vor der Wahl abstimmen darf. Dort ist die Überraschung: Latinos machen in Rekordzahlen davon Gebrauch. Das gilt als gutes Zeichen für Clinton. Gegen diese Interpretation wendet sich Trump bei seiner Kundgebung in Tampa am Sonnabend: „Die Kubaner unterstützen mich“, ruft er. Früher waren die Exilkubaner eine feste Bank für die Republikaner.

Auch in Florida hat sich vieles gewandelt. Freilich verlaufen die Grenzen zwischen Wählergruppen nicht so trennscharf nach Hautfarbe oder Wohnort. Unter den Latinos sind die Kubaner nur eine Minderheit, und ihre jüngere Generation lehnt Obamas Wiederaufnahme der Beziehungen nicht ab wie die Alten. Der Großteil der republikanischen Wähler wohnt im Korridor des Highways I-4 in der Mitte des Staats. Der Highway verbindet die Großräume Tampa und Orlando. Es ist eine bunte Koalition aus Geschäftsleuten, die auf niedrigere Steuern setzen, Sozialkonservativen in Fragen wie Abtreibung und Homo-Ehe und auch einigen Latinos, die wegen der hohen Bedeutung von Religion und Familie zu den Konservativen tendieren. Die Demokraten sind in Südflorida um Miami und im Norden stark.

Trump und Clinton treten in ihren Hochburgen auf. Ein klares Zeichen, dass ihr Hauptziel ist, ihre Anhänger zum Wählen zu bringen, und nicht mehr, skeptische Bürger zu überzeugen. Früher galt: Wer Florida und Ohio gewinnt, gewinnt die Wahl. 2016 kann Clinton es sich erlauben, beide zu verlieren und doch Präsidentin werden. Trump hat ohne Florida kaum noch eine Chance. In den Umfragen hat mal sie geführt, mal er. In den letzten Tagen liegt sie hauchdünn vorn.

Pennsylvania: Zwei Großstädte gegen die Verlierer des Strukturwandels

In Pennsylvania ist die Schlachtordnung gerade umgekehrt: ein „Must win“ für Clinton. Trumps Aussichten steigen, wenn es ihm gelingt, einen der Ex-Industriestaaten mit großer weißer Arbeiterschaft zu erobern wie Michigan, Pennsylvania, Wisconsin. In den letzten sechs Wahlen haben sie verlässlich für die Demokraten gestimmt. Heute empfinden sich viele Bürger aus der weißen Mittelschicht und Arbeiterschaft als Verlierer des Strukturwandels. Kohle und Stahl waren mal Wohlstandsquellen, heute sind es Krisenbranchen. Clintons Pläne für erneuerbare Energie sind hier nicht populär, Freihandelsverträge auch nicht.

Pennsylvania ist für Trump der aussichtsreichste dieser Staaten, die zu einem „Rust Belt“ („Rostgürtel“) geworden sind. Hier sind die Gegensätze zwischen den dynamischen Großstädten und den zurückfallenden ländlichen Regionen am stärksten. Lange führte sie mit sechs Prozentpunkten Vorsprung, am Sonntag waren es noch 2,4. Eine parteipolitisch gefärbte Karte erweckt den Eindruck, der Staat gehöre den Republikanern. Deren Farbe Rot bedeckt die Fläche. Das Blau der Demokraten tritt an nur drei Orten hervor. Ganz dick im Südosten im Großraum Philadelphia. Mittelgroß im Westen im Raum Pittsburgh. Und kleiner in der Mitte der Südgrenze zu Maryland rund um Harrisburg. Die Demokraten haben in zwei Großstädten, Philadelphia und Pittsburgh, ein ebenso großes Wählerpotenzial wie die Republikaner in allen Landkreisen zusammen. Entschieden wird der Kampf um Pennsylvania in den „Suburbs“: den Vororten, wo sich die beiden Gruppen mischen.

North Carolina, Florida, Pennsylvania: Clinton muss zwei davon gewinnen, Trump alle drei. Sie liegen an der Ostküste. Die USA dürften um 22 Uhr (4 Uhr am Mittwoch in Deutschland) anhand stabilisierter Hochrechnungen wissen, ob es ein enges Rennen wird und eine lange Nacht. Oder ob Clinton am Ende doch klar gewinnt.

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