• Ein Test der Mathematik-Kenntnisse an Gesamtschulen und Gymnasien in Nordrhein-Westfalen belegt: Von vergleichbarer Notengebung kann keine Rede sein (Meinung)

Politik : Ein Test der Mathematik-Kenntnisse an Gesamtschulen und Gymnasien in Nordrhein-Westfalen belegt: Von vergleichbarer Notengebung kann keine Rede sein (Meinung)

Uwe Schlicht

Eine "Vier" ist eine "Vier" und zugleich keine "Vier" sondern eine "Eins". Ein absurder Satz - und doch ein Abbild deutscher Schulwirklichkeit in der Oberstufe. In Nordrhein-Westfalen kommt es jetzt ans Licht: Schwache Oberschüler, deren Mathematik-Kenntnisse am unteren Ende der Mindeststandards rangieren, erhalten, wenn sie den Test im Leistungskurs eines Gymnasiums schreiben, eine "Vier-minus". Im Grundkurs des Gymnasiums werden die gleichen Kenntnisse mit einer "Drei-minus" bewertet, im Leistungskurs einer Gesamtschule mit einer "Zwei-minus", und im Grundkurs einer Gesamtschule wird daraus eine "Eins".

Bisher hätte man solche Bewertungsunterschiede als den Versuch abgetan, Gesamtschulen polemisch abzuwerten. Doch jetzt hat ein vergleichender Mathematiktest bei dem Aufgaben auf dem Anspruchsniveau der 11. und 12. Jahrgangsstufe sowie aus der 10. Jahrgangsstufe zugrunde gelegt wurden, bewiesen: Auf Mindeststandards und deren Bewertung ist kein Verlass. Die Testaufgaben wird man kaum anzweifeln können: Sie bewegten sich auf dem Niveau, das bei den internationalen TIMS-Studien der OECD-Länder verlangt wurde.

Das Ergebnis sollte keinen verantwortlichen Schulpolitiker ruhen lassen. Wenn die Bewertungen so weit auseinander liegen, kann man sie nicht mehr mit pädagogischen Gründen rechtfertigen - nämlich, dass Schüler, die aus einem schwierigen familiären Milieu stammen und an sozialen Brennpunkten leben, Unterstützung bei der Benotung brauchen; oder dass der richtige Bezugsrahmen einer Schülerbeurteilung der Vergleich innerhalb der jeweiligen Lerngruppe ist. Verlässlich muss auf jeden Fall die Bewertung der Abschlussnoten sein, ob beim Abitur, dem Realschulabschluss oder dem erweiterten Hauptschulabschluss. Denn von diesen Leistungen hängen Lebensentscheidungen ab. Und niemand tut einem Jugendlichen einen Gefallen, wenn dieser mit dem Gefühl einer guten Leistung in die Lehre oder Hochschule entlassen wird und dort bereits in der Eingangszeit scheitert.

Die Klagen von Unternehmern über mangelnde Kenntnisse der Auszubildenden in den Grundlagen von Deutsch und Mathematik müssen jetzt in neuem Licht gesehen werden. Auch die Beschwerden vieler Professoren, dass sie es mit Studienanfängern zu tun haben, die mit disparaten Kenntnissen auf die Hochschulen kommen, erhalten ein höheres Gewicht. Zugleich erweisen sich die Annahmen als Illusion, "Einheitliche Prüfungsanforderungen" (EPA) und die Schulaufsicht könnten solche Diskrepanzen wie in Nordrhein-Westfalen verhindern. Ebenso muss man in Frage stellen, ob es Gesamtschulen in dem bisher üblichen Maß gelingen kann, Schüler mit einem Eingangsniveau, das zwischen Hauptschule und Realschule liegt, wirklich zur allgemeinen Hochschulreife zu führen.

Auch die bisherige Debatte über Zentralabitur oder dezentrales Abitur muss neu aufgerollt werden. Bisher haben Sozialdemokraten gerne argumentiert, beim Zentralabitur werde der wirkliche Leistungsstand eines Gymnasiums nicht erreicht, weil durch zentrale Vorgaben von oben für alle Abiturklassen nur ein Durchschnittsniveau sichtbar werden könnte. Umgekehrt wird man jetzt sagen müssen: In Ländern, in denen es viele Gesamtschulen und Gymnasien gibt, die ihre Oberschüler zur allgemeinen Hochschulreife führen, ist ein Zentralabitur notwendig, damit auf Mindeststandards und die Vergleichbarkeit der Benotung Verlass ist. Den anderen Weg, Professoren zu Hochschuleingangsprüfungen zu bewegen, sollte man nicht einschlagen. Professoren pflegen bei den Hochschulexamina in viel zu vielen Fächern selbst Traumnoten zu vergeben.

Mit der Bildungspolitik lassen sich nach jahrzehntelanger Vernachlässigung wieder Wahlen entscheiden. Diese Erkenntnis sollte nicht zu einer wilden Polemik über die Zustände in Nordrhein-Westfalen führen, wo die Bildungsministerin Gabriele Behler (SPD) seit ihrem Amtsantritt einen konsequenten Kurs der Qualitätssicherung verfolgt und mit Ideologien radikal aufräumt. Wer weiß schon, was in den nächsten Monaten noch über die Schulverhältnisse in anderen Bundesländern ans Licht kommt, nachdem die international vergleichenden Tests in Mathematik und Naturwissenschaften schon gezeigt hatten, wie durchschnittlich deutsche Schülerleistungen sind? Wie es in Berlin und Brandenburg, wo es ebenfalls viele Gymnasien und Gesamtschulen gibt, mit der Vergleichbarkeit der Beurteilung und Zeugnisse bestellt ist, würde man auch gerne bald erfahren. Noch klingt die Aussage der einstigen CDU-Schulsenatorin Hanna- Renate Laurien im Ohr, dass es gute und schlechte Gesamtschulen ebenso wie gute und schlechte Gymnasien gebe.

Auf dieser Ebene sollten Lösungen gesucht werden. Die von den Kultusministern eingeleitete Hinwendung zu wirklichen Schulreformen wird nur gelingen, wenn die Debatte sachlich bleibt und nicht abermals im ideologischen Streit erstickt. Die Deutschen brauchen schnelle und verlässliche Reformen und keine neuen Glaubenskriege über vermeintlich bessere Schulsysteme.

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