Politik : Eine gute, keine mutige Wahl (Leitartikel)

Christoph von Marschall

Eine gute Wahl. Die "Ärzte ohne Grenzen" retten Flüchtlinge vor der Cholera und anderer Seuchengefahr, operieren Kinder und Frauen unter schwierigsten Bedingungen, graben Erdbebenopfer aus und leisten Erste Hilfe. Sie trotzen der Hitze des afrikanischen Buschs, dem Schlamm der tropischen Regenzeit, der Kälte der afghanischen Berge. Sie waren an der Seite der Opfer in den überfüllten Lagern in Ruanda und im Kosovo, machten ihnen Mut, nicht zu resignieren, halfen ihnen, unter unmenschlichen Bedingungen Würde und Hoffnung nicht preiszugeben. Dabei gehen sie ein hohes persönliches Risiko ein, begeben sich immer wieder ohne militärischen Schutz zwischen die Fronten.

Kein Zweifel, das Friedensnobelpreis-Komitee hat eine richtige Entscheidung getroffen. Vielleicht eine zu richtige. Weil sie nicht aufstört. Wer Helden würdigt, kann selbstverständlich auf allgemeinen Beifall rechnen. Hätte das Gremium nicht eher chinesische Dissidenten auszeichnen sollen - gerade wegen der wütenden Verhinderungsversuche aus Peking? Damit hätte es der Demokratiebewegung in China Mut gemacht, wie das mit Erfolg in anderen Staaten gelungen war: 1975 in der Sowjetunion (Andrej Sacharow), 1983 in Polen (Lech Walesa), 1991 in Burma (Aung San Suu Kyi) oder 1996 in Ost-Timor (Bischof Belo). Nicht alle werden den Verdacht für abwegig halten, die Mitglieder des Nobel-Komitees seien dem Konflikt mit China aus dem Weg gegangen.

Sie hätten auch den russischen Menschenrechtler Sergej Kowaljow auszeichnen können, der so viel für die Beendigung des ersten Tschetschenien-Krieges getan hat. Gerade jetzt, da Moskau die früheren Fehler blind wiederholt und mit wachsender Brutalität auf Bomben und Panzer setzt, hätte das den Druck erhöht, eine politische Lösung zu suchen. Friedensabkommen von historischer Dimension, deren Repräsentanten Oslo gerne ehrt - 1998 David Trimble und John Hume in Nordirland, 1994 Jitzhak Rabin, Shimon Peres und Jassir Arafat in Nahost, 1993 Nelson Mandela und Frederik Willem de Klerk in Südafrika - waren diesmal nicht zu bejubeln. Doch wäre auch das Internationale Kriegsverbrecher-Tribunal in Den Haag würdig gewesen. Gerechtigkeit für Opfer schafft inneren Frieden, dämpft Rachegefühle. Ob die Dissidenten, Kowaljow oder das Tribunal: Jede dieser Entscheidungen hätte mehr politischen Mut verlangt als die für die "Ärzte ohne Grenzen".

Oslo hat eine andere, eine jüngere Entwicklungslinie fortgesetzt, hat erneut eine "NGO", eine Nicht-Regierungs-Organisation, ausgezeichnet - zum dritten Mal nach Joseph Rotblads Anti-Atombewegung Pugwash 1995 und Jody Williams Internationaler Kampagne zum Verbot von Landminen 1997. Was diese für den Frieden getan haben, ist leichter nachzuvollziehen als im Fall der "Ärzte ohne Grenzen". Die helfen zwar, das Leid der Opfer zu lindern. Aber Konflikte verhindern können sie nicht. Sie vermögen auch nicht, die Einstellung der Kämpfe zu erzwingen.

Und doch geht diese Wahl über die Ehrung humanitärer Hilfe hinaus. Unpolitisch sind die "Ärzte ohne Grenzen" nicht. Anders als das Rote Kreuz ergreifen sie Partei gegen die Kriegsherren und Folterknechte, sind nicht bereit, sich durch politische Neutralität die Duldung ihrer Hilfe zu erkaufen. Das war das Hauptmotiv, andere Wege zu gehen als die traditionellen Hilfsorganisationen: Sie wollen die Weltöffentlichkeit mobilisieren gegen das Unrecht, das sie bei ihren Einsätzen vor Augen haben. Damit sind sie über den ärztlichen Beruf hinaus zum Vorbild geworden. Inzwischen gibt es "Reporter ohne Grenzen", "Juristen ohne Grenzen", selbst "Architekten ohne Grenzen". Sie alle haben das gleiche Ziel, wollen die Machtstrukturen verändern, die Armut, Krieg und Unterdrückung erst ermöglichen. Wenn sie damit Erfolg haben, wenn über die heutigen Demokratien hinaus allmählich ein internationales Netzwerk der Bürgergesellschaft gegen die Diktatur entsteht, dann hilft das auch den Menschenrechtlern, die heute von autoritären Regimen ins Gefängnis gesteckt oder ausgebürgert werden. Deshalb war dies eine gute Wahl für 1999. Aber im nächsten Jahr darf das Komitee sich den Mut nehmen, wieder eine politischere Entscheidung zu treffen - eine, die Kontroversen riskiert.

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