Politik : "Eine Million Menschen sind verschwunden"

CAROLINE FETSCHER

TIRANA .Der Krieg auf dem Balkan hat zwei Fronten - eine humanitäre und eine militärische.Während sich in Tirana die Hotels mit den Vertretern der Vorhut aller NATO-Partner füllen, wächst bei Hilfsorganisationen die Sorge um die Situation im Kosovo selbst."Ganze Städte im Kosovo, wie etwa Pristina, sind entvölkert", sagt James Orbinski von der internationalen Hilfsorganisation "Ärzte ohne Grenzen" am Dienstag morgen vor der internationalen Presse in Tirana.

"Wir wissen nicht, was mit den Einwohnern des Kosovo geschieht.Weder sie selbst informieren uns - sie können es gar nicht - noch die NATO oder Milosevic." Jedesmal wenn die Grenze zu Serbien für ein, zwei Tage geschlossen bleibt, scheint es dort Massaker und Massenhinrichtungen zu geben, sagen Mitglieder der UCK.Informationen der UCK sind derzeit die einzigen, die über die Vermißten im Kosovo nach außen dringen.Orbinski ist in Sorge, da nur noch der Krieg und die außerhalb des Kosovo angelangten Flüchtlinge alle Medien beschäftigen, er unterstellt auch, daß die NATO der Öffentlichkeit beweiskräftiges Material wie Satellitenaufnahmen vorenthält."Warum sie das tut, wissen wir nicht.Ich fordere aber, daß dieses Material öffentlich zugänglich ist."

Aus anderen Krisengebieten, etwa Zaire, wisse man, daß Luftaufnahmen reichhaltigen Aufschluß über den Aufenthalt größerer Menschengruppen geben können."Eine Million Menschen im Kosovo sind spurlos verschwunden", erinnert Orbinski, "die NATO bestimmt die Informationspolitik, und das sollte so nicht sein." Aufgabe von Hilfsorganisationen sei es, "auf beiden Seiten der Grenze neutral und unparteiisch tätig zu sein"."Ärzte ohne Grenzen" fordern den Rückzug von NATO-Soldaten aus den humanitären Angelegenheiten, damit deren Neutralität auch nach außen gewahrt bleibt.

Indes bevölkern Uniformträger aller NATO-Partner nicht nur Hotels, sondern sind auch aktiv beim Aufbau von Flüchtlingslagern und beim Transport von Hilfsgütern.Die Bundeswehr nimmt Teil am Bau einer Flüchtlingsunterkunft an der albanisch-griechischen Grenze bei Korca, wo bis zu 20 000 Menschen Platz finden sollen.Italienisches und französisches Militär ist zu vielen Teilen in Albanien aktiv.Die Strategie der Helfer und Militärs ist im Augenblick, Unterkünfte so weit wie möglich von den gefährlicher werdenden Grenzregionen entfernt im Norden aufzubauen.Sie richten sich schon vorsorglich auf den Winter ein, erklären Beobachter, - und sie bewegen die Zivilisten aus einer Kampfzone heraus.

Mit Sorgenfalten betrachten Militärs das unwegsame Gelände an der Grenze zu Jugoslawien, die katastrophal schlechten Straßen und die generellen Konditionen in diesem Land, das ein Journalist jüngst "Bangladesch Europas" nannte.Die Sorge der Militärs, soviel ist deutlich herauszulesen, gilt nicht allein den Schwierigkeiten beim Transport von Hilfsgütern.Sie sind diejenigen, die mit dem Resultat leben müssen und die Konsequenzen verantworten, sollte es doch noch zum Einsatz von Bodentruppen kommen.

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