Politik : Eine Schule in der Hand von Terroristen

Entführer in Südrussland drohen mit Ermordung von 132 Kindern / Moskau: Uns wurde der Krieg erklärt

Claudia von Salzen,Elke Windisch

Moskau/Berlin - Schwer bewaffnete Terroristen haben am Mittwoch in der russischen Kaukasusrepublik Nordossetien eine Schule überfallen und mehr als 300 Schüler, Eltern und Lehrer in ihre Gewalt gebracht. Unter den Geiseln sind 132 Kinder. Die mit Sprengstoffgürteln bewaffneten Kämpfer drohten mit der Ermordung der Geiseln, falls die Sicherheitskräfte eingreifen sollten. „Sie haben gesagt, dass sie für jeden getöteten Kämpfer 50 Kinder töten werden und für jeden verletzten Kämpfer 20“, sagte der Innenminister Nordossetiens, Kasbek Dsantijew. Die Entführer verlangten die Freilassung von tschetschenischen Kämpfern, die im Juni nach einem Anschlag in der Nachbarrepublik Inguschetien festgenommen worden waren. Die meisten der Täter sollen aus dem Umfeld der Dchamaats kommen, einer halblegalen paramilitärischen Gruppe aus Inguschetien. Am frühen Abend verhandelten Sicherheitskräfte mit den Geiselnehmern. Das Angebot von Wasser und Lebensmitteln für die Geiseln lehnten die Terroristen ab.

Es war die größte Geiselnahme seit Oktober 2002. Damals hatten tschetschenische Terroristen in einem Moskauer Musical-Theater Hunderte Menschen in ihre Gewalt gebracht. Bei der Erstürmung des Theaters starben 129 Geiseln, nachdem russische Sicherheitskräfte ein giftiges Gas eingesetzt hatten.

Die schwer bewaffneten Männer und Frauen hatten die Schule im nordossetischen Beslan am ersten Schultag nach den Ferien überfallen. Schüler, Eltern, und Lehrer hatten gerade eine Feier beendet, als die maskierten Entführer das Gebäude stürmten. Die Geiseln wurden in die Turnhalle getrieben. Bei dem Überfall wurden mindestens sieben Menschen getötet, vier weitere verletzt. Die Angaben über die Zahl der Geiseln gingen zunächst stark auseinander, von 300 bis 400 sprach Innenminister Dsantijew. 15 Kinder wurden freigelassen.

Die Geiselnahme im Nordkaukasus ist der jüngste in einer Kette von Terroranschlägen, die mit dem Konflikt in Tschetschenien in Zusammenhang gebracht werden. Am Dienstag hatte sich eine Selbstmordattentäterin in der Nähe einer Moskauer Metro-Station in die Luft gesprengt und neun Menschen getötet. In der vergangenen Woche starben bei zwei Anschlägen auf Passagierflugzeuge insgesamt 90 Menschen. Zu beiden Terrorakten bekannte sich die „Islambuli-Brigade von Al Qaida“. Russische Ermittler gehen davon aus, dass die beiden Tschetscheninnen, die offenbar die Flugzeuge zum Absturz brachten, die Moskauer Attentäterin kannten. Eine vierte mutmaßliche Terroristin soll noch auf freiem Fuß sein. Die Behörden fürchten einen weiteren Anschlag. In Moskau wurden die Sicherheitskontrollen verstärkt. Die Regierung ordnete zudem die stärkere Sicherung von Atomanlagen an.

Der Weltsicherheitsrat beraumte auf Antrag Russlands eine Sondersitzung an. US-Präsident George W. Bush bot dem russischen Staatschef Wladimir Putin nach Angaben des Kreml Hilfe bei der Bewältigung der Geiselkrise an. Russlands Botschafter in Deutschland, Wladimir Kotenjow, sagte am Mittwoch in Berlin: „Wir haben es hier mit internationalem Terrorismus zu tun, der keine Grenzen kennt.“ Das Geld der Terroristen stamme aus dem Nahen Osten, sie selbst würden in Afghanistan oder Pakistan ausgebildet. Mit Russlands Tschetschenien-Politik habe das nichts zu tun.

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