Politik : Eine Stadt entschuldigt sich

Vor zehn Jahren applaudierten Rostocker bei ausländerfeindlichen Krawallen in Lichtenhagen – jetzt feiern sie dort ein Multikultifest

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Von Andreas Frost, Rostock

Rostocks Oberbürgermeister Arno Pöker (SPD) hat sich bei den Betroffenen der ausländerfeindlichen Krawalle in Rostock-Lichtenhagen im August 1992 entschuldigt. Auf einer Gedenkveranstaltung der Bürgerschaft sagte Pöker: „Damals sind Fehler gemacht worden, nicht nur, aber auch auf Seiten der Stadt.“ Pöker selbst ist erst seit 1995 Oberbürgermeister der Hansestadt. Das Bündnis „Bunt statt Braun“ rechnete am Sonnabend mit rund 10 000 Besucher auf einem multikulturellen Friedensfest vor dem damals umkämpften Sonnenblumenhaus. Heute ist das Gebäude auch Sitz des deutsch-vietsischen Vereins Dien Hong, der in dieser Woche von Bundespräsident Johannes Rau mit dem Integrationspreis ausgezeichnet worden ist.

Zwar wurden vor den Ereignissen in Rostock zum Beispiel auch in Hoyerswerda Ausländer unter dem Applaus mancher Anwohner aus ihrer Unterkunft vertrieben, aber nirgends tobte der Mob so wie vor zehn Jahren in Lichtenhagen. Dort hatte sich der Zorn der Anwohner über die heruntergekommenen Zustände in und um die überfüllte Zentrale Aufnahmestelle für Asylbewerber des Landes seit Wochen aufgestaut. Nach zwei Tagen nächtlicher Randale wurde das Aufnahmelager am Nachmittag des 24. August 1992 von den Behörden geräumt. Am Abend lieferten sich Randalierer dennoch erneut eine Straßenschlacht mit der Polizei. Als diese überraschenderweise abzog, griffen die meist jugendlichen Randalierer das bis dahin allerdings auch schon ungeschützte Vietnamesen-Wohnheim im Aufgang neben dem Aufnahmelager mit Molotow-Cocktails an und versuchten es zu stürmen. Mehr als 100 Bewohner retteten sich über das Dach.

Dass „die Lichtenhagener“ dabei wie am ersten Abend klatschend auf ihren Balkons standen, ist allerdings eine Legende. Die Feuerwehr löschte erst nach 90 Minuten, weil sie von Randalierern von ihrer Arbeit abgehalten wurde. Erst nach zwei weiteren Krawallnächten bekam ein auf über 1000 Mann angewachsenes Polizeiaufgebot die Lage in den Griff.

Ein halbes Jahr nach den Vorfällen musste Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lothar Kupfer (CDU) seinen Hut nehmen, weil er immer noch jegliche politische Verantwortung leugnete. In zwei Untersuchungsausschüssen in Rostock und Schwerin wurden zwar manche Pannen aufgedeckt, die Schuld schoben sich die Politiker allerdings gegenseitig zu. Die Justiz verurteilte knapp 50 Schläger und Brandstifter zu meist geringen Jugendstrafen.

Auch wenn die Stadt und viele Engagierte versuchen, Rostocks Image vom Lichtenhagen-Image zu befreien, bleibt der Makel der rechtsradikalen Randale vorerst an ihr haften. Dazu trug auch bei, dass drei der damaligen Randalierer erst im November 2001 vor Gericht kamen. Trotz des harten Vorwurfs – die Richter erkannten versuchten Mord –, blieben die Strafen ob der langen Dauer des Prozesses mild und zur Bewährung ausgesetzt. Ein Rostocker Journalist behauptet gar in einem neuen Buch, das er rechtzeitig zum zehnten Jahrestag auf den Markt brachte, nachweisen zu können, dass die Randale in Lichtenhagen politisch gewollt war.

Mecklenburg-Vorpommerns scheidender Landtagspräsident Hinrich Kuessner (SPD) will mit einem überparteilichen und überkonfessionellen Verein zeigen, dass die Jugend im Nordosten alles andere als rechtsradikal aber durchaus auf Sinnsuche ist. Bei einem großen Jugendfestival auf der Ostseeinsel Rügen im August 2003 sollen dabei unter anderem die Mönche von Taizé helfen, zu deren Kloster in Südfrankreich jährlich Tausende von Jugendlichen aus ganz Europa pilgern.

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