Politik : Eine Stadt in Trauer

Auf dem Markt in Bagdad gab es nach dem Raketeneinschlag entsetzliche Szenen. Die Familien beweinen ihre Toten – und klagen die USA an

Åsne Seierstad[Bagdad]

Sicher ist nur, dass es eine Explosion gab, eine gewaltige, und dass sie verheerende Folgen hatte. Mehr als 50 Menschen starben auf einem Markt in Bagdad, als dort am Freitag eine Rakete einschlug. Am frühen Abend, zu jener Zeit, in der die meisten Menschen dort zum Einkauf gehen. Das US-Militär lehnt die Verantwortung dafür ab, will den Vorfall aber prüfen. Die irakische Führung nennt das, was geschah, Terror.

„Sehen Sie nur, hier auf der Bordsteinkante saßen mehrere Kinder. Jetzt sind sie alle tot“, klagt ein Mann. Der Bürgersteig ist von Blut bedeckt. Die Hauswand dahinter auch. Glasscherben und Metallsplitter liegen überall verstreut. Mitten auf dem Platz tut sich ein Krater auf. Daneben steht ein ausgebranntes Auto.

„Wir hörten das pfeifende Geräusch einer Rakete. Sie flog ganz niedrig über uns hinweg. Anschließend war die Luft voller Rauch, überall lagen Tote. Leichen ohne Köpfe, ohne Arme und ohne Beine. Das war furchtbar“, erzählen zwei Freunde. „Verletzte lagen zwischen den Toten und wanden sich vor Schmerzen. Überall war Blut.“

Fast alle, die zu dieser späten Stunde nach dem Massaker vor der Moschee stehen und dort die Toten beklagen, haben Verwandte unter den Opfern. „Wo ist jetzt die Demokratie von denen? Wo ist ihre Humanität?“, ruft ein älterer Mann. Er hat seinen Enkel verloren und weint. Ein anderer Mann hebt den Deckel von einem Sarg. Darin liegt ein kleiner Junge, blutig. Er trägt eine Jeans und ein Hemd mit einem großen blutigen Riss in der Brust. Der Mann bricht über dem Jungen im Sarg zusammen. Es ist sein Sohn. Er zieht die Schultern ein und schluchzt. Mit verdrehten Gliedern liegt der Junge in dem kleinen Sarg. Mehrere Männer stehen dabei und weinen.

Ein Mann führt mich in den hinteren Teil der Moschee. Hier liegt die zehnjährige Fatima. Sie wird von drei Frauen gewaschen. Sie beweinen das kleine Mädchen. Fatima hat eine große Verletzung am Knie, im Bauchbereich und im Rücken. Das Gesicht ist, abgesehen von einer Schürfwunde an der Nase, unverletzt. Sie hat große, braune Augen und langes dunkles Haar.

Die drei Frauen waschen sie und legen sie in eine durchsichtige Plastikfolie, hüllen sie anschließend in ein weißes Tuch, in das sie für Augen und Mund Löcher schneiden. Jetzt schlagen sie sie noch in ein weiteres Tuch ein, das sie an beiden Enden zuknoten. Erst dann legen sie sie in den Sarg. Neben ihnen auf dem Fußboden steht bereits ein Sarg. Darin liegt Fatimas Mutter Hasima. Eine der Frauen erzählt: „Sie waren auf dem Weg zum Markt und kamen unmittelbar dort vorbei, wo die Rakete einschlug.“ Hasima hatte elf Kinder. Zwei ihrer Söhne stehen hinter einer Trennwand und weinen. „Das hier ist kriminell. Sehen Sie nur hier in der Moschee. Sie ist voller Toter“, sagt ein Mann. „Ich habe allen immer gesagt, dass sie keine Zivilisten erschießen würden. Aber ich habe mich geirrt.“

Im Krankenhaus Al-Nour in der Nähe des Marktes wurden bis zum späten Freitagabend 55 Tote und 47 Verletzte gezählt, sagt der Arzt Osama Sakhari. Es könnten noch mehr Opfer geben. „Bei vielen Verletzten ist der Zustand kritisch. Ich weiß nicht, ob sie die Nacht überleben werden“, sagte er seufzend. In den Betten der Klinik lagen Kinder und Erwachsene durcheinander. Viele hatten die Splitter der Rakete an mehreren Stellen im Körper.

Für die Menschen in Bagdad ist klar, wer an dem Blutbad die Schuld trägt. „Die Rakete haben die Briten und Amerikaner abgeschossen“, sagt auch der Arzt bestimmt. „Sie hatten gesagt, dass sie keine Zivilisten töten würden. Und schauen Sie sich das jetzt an“, fügt er noch hinzu, offensichtlich sehr erschüttert, nachdem er mehrere der Opfer notoperiert hat.

An den Krankenbetten und in den Korridoren stehen die Verwandten. Viele sitzen auch an der Bettkante und bangen um Verletzte, die noch bewusstlos sind. Ein Junge steht allein neben einem Bett. Darin liegt sein Bruder mit Splittern im Bauch. Er ist vollkommen gelb im Gesicht und redet im Delirium. Sein großer Bruder weint. „Er muss leben bleiben, er muss leben bleiben. Wir standen alle vor unserem Haus, Hussein, Jamil und ich. Hussein liegt hier, und Jamil ist tot.“ Er schluchzt.

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