• Einheitsfeiern: Wie die Redner in der Semperoper versuchen, den Altkanzler zu würdigen, ohne ihn zu feiern

Politik : Einheitsfeiern: Wie die Redner in der Semperoper versuchen, den Altkanzler zu würdigen, ohne ihn zu feiern

Albert Funk

Als der Kanzler, mit ihm der französische Präsident und hinter ihm der sächsische Ministerpräsident nach überstandenem Staatsakt aus der Semperoper endlich auf den von der milden Herbstsonne beschienenen Theaterplatz in Dresden traten, von einigen tausend Einheitsfeiernden erwartet, da nahm einer, aber auch wirklich nur einer die Gelegenheit wahr und rief laut: "Helmut, Helmut, danke, Helmut." Weil eine Blaskapelle aus dem Erzgebirge aber erzgebirgsmäßig laut schmetterte und eine Trommlertruppe dagegenhielt, blieb "Helmut, Helmut" doch nur ein schwacher Zwischenruf.

Ganz so einfach war dem mit "Helmut" verbundenen Problem bei der Redeveranstaltung namens Staatsakt zum zehnten Jahrestag der Einheit im Dresdner Opernhaus freilich nicht beizukommen. Denn "Helmut, Helmut" war bekanntlich nicht da, weil als Redner nicht vorgesehen. Ganz ohne den Altkanzler konnte der zehnte Jahrestag der deutschen Einheit aber auch nicht begangen werden. Irgendwie musste Kohl eingebunden werden in die Würdigungen, Danksagungen und Mahnungen.

Kurt Biedenkopf, der Kohl nicht auf die Liste der Redner gesetzt hatte, musste das als erster tun, vor den versammelten Gästen, an deren Spitze Jacques Chirac stand und unter denen alle Regierungschefs der EU-Beitrittskandidaten Polen, Tschechien, Ungarn und der Slowakei waren. Was also tat Biedenkopf?

Er hielt eine Rede, die Kohl wohl auch gehalten hätte. Das Thema: Deutschland in Europa. Deutsche Einheit nicht ohne europäische Einigung. Und die europäische Einigung nicht ohne die Nachbarn im Osten. Und das bitte, die Adressaten, Kanzler Schröder und Außenminister Fischer, saßen in der ersten Reihe, möglichst schnell. Den größten Teil seiner Rede widmete der Ministerpräsident der Sachsen diesem Aspekt und nicht dem ihm qua Amt näher liegenden Aufbau in den neuen Ländern.

Und verblüffend schnell kam Biedenkopf auf seinen ehemaligen Parteichef zu sprechen. Biedenkopf erinnerte an jenen Dezemberabend 1989, als von Dresden aus klar wurde, bei jenem denkwürdigen Auftritt Kohls vor der Frauenkirche mit tausenden Zuhörern, dass die Einheit schneller kommen würde als gedacht. Biedenkopf band Kohls Rolle als Kanzler der deutschen und europäischen Einigung ein: Adenauers Rolle als Vorbereiter der europäischen Einigung stellte der sächsische Regierungschef mindestens so sehr heraus wie die von Kohl, und dass die Europäer Vertrauen hätten in die Deutschen, das sei Frucht der deutschen Politik gewesen: "Grund gelegt durch Konrad Adenauer, nach Osten erweitert durch Willy Brandt, fortgeführt und vertieft durch Helmut Schmidt und zum deutschen und europäischen Ziel geführt durch Helmut Kohl."

Lothar de Maizière, der letzte DDR-Ministerpräsident, dessen Auftritt als Redner Kohl und seine Anhänger noch mehr verärgert hat als die Nicht-Berücksichtigung des Altkanzlers, fand im Anschluss an Biedenkopf, aber erst ganz am Ende seiner Rede, eine süffisante Formulierung, um Kohl gleichzeitig zu loben und das vorgeblich niemals gebrochene Einheitsstreben des Altkanzlers zu relativieren: "Hier von Dresden aus ist im Dezember 1989 durch den Beifall der Dresdner zur Rede von Helmut Kohl das entscheidende Signal für einen radikalen Wechsel in den politischen Zielen gegeben worden." Erst kamen die Dresdner, dann kam Kohl.

Bundespräsident Johannes Rau fand zu dem Satz, dass jenseits aller aktuellen Auseinandersetzungen Kohls Verdienste um die Einheit "durch nichts geschmälert werden" könnten. Mehr nicht. Auch er erinnerte an den berühmten Dresdner Dezemberabend 1989. Und der Applaus für Raus Lob auf Gorbatschow war ungeteilt im Gegensatz zu dem auf das Lob Kohls. Jacques Chirac schließlich blieb es vorbehalten, ein wenig dicker aufzutragen. Frankreichs Staatspräsident würdigte Kohl als treuen Freund Frankreichs, großen Deutschen und Europäer, gar als Visionär. "Helmut Kohl ist es zu verdanken, dass das mit sich selbst ausgesöhnte Land sich auch weiterhin und in noch stärkerem Maße für das europäische Einigungswerk engagiert." Ein bisschen zu viel französische Grandeur vielleicht, jedenfalls für die Anwesenden aus dem Regierungslager.

Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mochte gar nicht applaudieren. Und die von allen Seiten in der Semperoper gelobten Einheitswegbereiter, die Dresdner und ihre Gäste? Feierten vergnügt, auf dem Theaterplatz, dem Altmarkt, am Elbufer, an der Frauenkirche, auf der Augustusbrücke. Zwei Tage lang. Sächsisch leger. Taten das, was der Bundespräsident in seiner Rede den Franzosen zu neiden schien und daher seinen Bundesbürgern, vor allem aber der politischen Klasse empfahl: Den Nationalfeiertag fröhlich feiern und nicht nur festlich begehen.

Dass "Helmut, Helmut" beim großen Einheitsfest der Bevölkerung in Dresden fehlte, nicht nur der Mann, auch der Ruf? Es hat keinen aufgeregt in der sächsischen Hauptstadt. Zehn Jahre Einheit. Man feiert sich selbst.

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