Politik : Einheitsrede: Versöhnen und Verhöhnen (Kommentar)

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Es wird immer verquerer. Erst gibt es diese unsägliche und auch demütigende Debatte darüber, ob Helmut Kohl am 3. Oktober reden soll. In dieser Diskussion wurden von vielen viele schmutzige Wäschestücke gewaschen: Vom Ministerpräsidenten Sachsens bis zum Bundesgeschäftsführer der SPD. Als ob die Leute nicht zwischen dem Kanzler der Einheit und dem Gesetze brechenden Parteiführer hätten unterscheiden können. Dann wählte Kohl selbst zum Schein die Geste der Bescheidenheit und tat kund, am 3. Oktober nicht zur Verfügung zu stehen. Gestern nun erklärte der Altkanzler, er werde am 1. Oktober zum zehnten Jahrestag des Vereinigungsparteitags der CDU reden. Und zwar zusammen mit Angela Merkel. Das ist perfide. Damit zeigt Kohl, dass Versöhnen und Verhöhnen in ein und derselben Geste möglich sind: Denn das Jubiläum der Partei hätte nun wirklich der Tag Merkels sein können: sie ist eine der wenigen Frauen aus dem Osten mit großer politischer Karriere im Westen. Kohl wird ihr die Show stehlen, und Merkel musste gute Miene dazu machen, um nicht abermals Gefahr zu laufen, von den Kohlianern gemobbt zu werden. Zugleich wird die Veranstaltung viel stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rücken als der Nationalfeiertag selbst: Dort hätte Kohl hinter das Ereignis zurücktreten können. Kohl sei der Meister des Kairos, des richtigen Zeitpunkts, hat der Freiburger Politologe Wilhelm Hennis einmal gesagt. Das hat er jetzt wieder bewiesen. Es ist schrecklich mit diesem Mann.

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