Eliten in der NS-Zeit : "Grenzen des Anstands wurden leicht überschritten"

25.10.2010 08:44 Uhr

Der israelische Historiker Moshe Zimmermann über die Radikalisierung der Eliten während der NS-Zeit und die Aufarbeitung in der Bundesrepublik.

Professor Zimmermann, was hat Sie bewogen, in der Historikerkommission zum Auswärtigen Amt (AA) mitzuarbeiten?

Ich befasse mich seit langem mit der Geschichte des Dritten Reichs, des Antisemitismus und speziell der deutschen Juden. Ich bin auch sonst an gemeinsamen Forschungsprojekten mit deutschen Kollegen beteiligt. Für einen Historiker ist dieses Projekt eine interessante Herausforderung. Das Auswärtige Amt ist eben ein Beispiel für die Zusammenarbeit des „anständigen“ Bürgertums mit der NS-Politik, was für mich ein Schlüsselthema ist. Als Jude deutscher Herkunft ist das Thema für mich umso interessanter.

Was ist für Sie das Kernergebnis der Kommissionsarbeit?

Dass auch der angeblich „anständige“ Mensch – Beispiel Auswärtiges Amt – die Grenzen des Anstandes leicht überschreiten kann, wenn die Grundregeln sich ändern. Es reicht aus, dass man ein wenig undemokratisch, ein wenig rassistisch, ein wenig antisemitisch ist, um auf den Weg der Radikalisierung zu kommen, wo man nicht mehr haltmachen kann, weil das Bewusstsein korrumpiert ist. Umso mehr, wenn man Karrierist ist, was im Staatsdienst ja eine große Rolle spielt.

Ist das bisher so nicht bekannte Ausmaß der Verstrickung des AA in die nationalsozialistischen Verbrechen für Sie eine Überraschung?

Historiker lassen sich schwer überraschen. Aber man ist darüber verwundert, dass viel von dem, was bereits bekannt war – schon seit dem Wilhelmstraßen-Prozess 1947/49 – wieder in Vergessenheit geriet. Da macht die Geschichte des AA keine Ausnahme. Für den Historiker sind die Mechanismen des Vergessens genauso interessant wie die Mechanismen der kollektiven Erinnerung. Außerdem ist die „Verstrickung“ nicht das einzige Thema – erstaunlich ist vor allem, dass die Mittäter von vor 1945 nach 1951 meist problemlos weitermachen konnten und der Aufschrei dagegen marginal blieb.

Warum ist dieses Buch erst jetzt geschrieben worden? Hat das Auswärtige Amt seine Sicht auf die eigene Vergangenheit jahrzehntelang verschleiert?

Von selbst kommt man nicht auf die Idee, eine „nestbeschmutzende“ Geschichte zu schreiben und die eigene Seite in ein schlechtes Licht zu stellen. Dafür brauchte man die Distanz von 60 Jahren und eine Person wie Joschka Fischer als Außenminister.

Gibt es eine Mitverantwortung der Politik? Müssen sich die Vorgänger der Minister Fischer, Steinmeier und Westerwelle nun kritische Fragen gefallen lassen?

Selbstverständlich! Die Politik entschied darüber, die alten „Wilhelmstraßler“ wieder in den Dienst aufzunehmen. Und es geht nicht nur um die Fortsetzung der Tätigkeit von AA-Diplomaten in der Bundesrepublik, sondern auch um ihre Präsenz in der Politik selbst. Nehmen wir das Beispiel Achenbach. Er war als AA-Beamter vor 1945 sogar am Holocaust mitbeteiligt. In der Bundesrepublik wurde er Politiker, Experte für Außenpolitik. Da muss man sich fragen: Wieso wurde so ein Mensch nicht aus der Politik ausgestoßen? Andererseits ist das nicht nur das Problem der Diplomaten. Der aufrechte Umgang mit der NS-Geschichte begann erst in den 70er Jahren, und ein zusätzlicher Schub kam nach 1990. Die Idee, die eigene Institution mit ihrer Vergangenheit zu konfrontieren, ist auch eher umsetzbar, wenn die „Wächter“ aus der älteren Generation nicht mehr am Leben sind.

Welche Konsequenzen wird Ihr Buch für die Arbeit und die Selbstdarstellung des AA haben?

Für mich ist besonders wichtig, dass man die Rolle der Diplomaten bei der Vorbereitung und Ausführung der NS-Judenpolitik deutlich macht. Dass auch die meist „anständigen“ Beamten des AA sich mitreißen ließen, Juden zu verfolgen, auszustoßen und am Ende zu ermorden. Auch dieses Buch ist ein wichtiger Beitrag zum Thema „Wehret den Anfängen“. Es ging uns nicht darum, das AA schwarzzumalen, sondern es als Beispiel für eine menschliche Haltung darzustellen, die vor dem Abgrund nicht haltmachen konnte.

Moshe Zimmermann, Jahrgang 1943, ist Professor für Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem und Träger des Humboldt- Preises.

Die Fragen stellte Albert Funk.

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