Elitetruppe : Bundeswehr stellt Eingreiftruppe in Afghanistan

Deutschland stellt zum ersten Mal die Schnelle Eingreiftruppe im Norden Afghanistans. Doch auf den Kampf der Soldaten möchte scheinbar niemand die öffentliche Aufmerksamkeit lenken.

Ingrid Müller

Masar-i-ScharifEs soll alles so normal wie möglich aussehen. Aus Deutschland ist kein Politiker nach Afghanistan gereist, der Kommandeur sagt: "Das ist keine neue Qualität der Aufgaben für die deutschen Isaf-Einsatzkräfte." Und doch hat in der Nacht von Montag auf Dienstag etwas Neues begonnen: Deutschland stellt zum ersten Mal die Schnelle Eingreiftruppe für die Internationale Truppe im Norden Afghanistans. Bei einem Übergabeappell übernahmen am Montagabend 205 deutsche Soldaten in Masar-i-Sharif von den Norwegern die kurz QRF genannte Elitetruppe. Die meisten von ihnen kommen aus dem lippischen Augustdorf und gehören zum 212. Panzergrenadierbataillon. Ihr Motto: Wir fürchten nichts. So lautet auch der persönliche Leitspruch ihres Chefs Gunnar Brügner.

Diese Soldaten sind die "Feuerwehr" der vom deutschen General Dieter Dammjacob befehligten 4000 Mann starken Isaf-Truppe in Nordafghanistan. Damit sind deutsche Soldaten erstmals auch für "offensive Aktionen" zuständig. Die 202 Männer und drei Frauen müssen bei Alarm innerhalb einer Stunde abmarschbereit sein. Sie sind die ersten, die ausrücken, wenn es irgendwo im Kommandobereich brennt. Neben der Zusammenarbeit mit den afghanischen Partnern nennt Oberstleutnant Brügner als Aufgaben, "zu helfen, zu retten, zu schützen, zu unterstützen und natürlich überall zu kämpfen, wo solch eine Truppe gebraucht wird und angemessen ist." Die QRF ist das "einzig frei verfügbare Element", für "alle Eskalationsstufen" ausgebildet. Das klingt nach etwas Besonderem. Doch für die Militärs ist offenbar längst selbstverständlich, was die Politik in Berlin so ungern sagt: dass Soldaten hier kämpfen.

Bei der Operation Karez im Mai, als die Taliban die Norweger gezielt angriffen, stellte die norwegische QRF nur zehn Prozent der Einsatzkräfte, bemerkte General Dammjacob. Allerdings, so betonte er in seiner Dankesrede, hätte es diese Operation ohne die QRF wohl nicht gegeben. Bei der Isaf gab es keine Opfer, 13 Taliban wurden getötet. Dammjacob glaubt, dass das Ergebnis einer kritischen Auseinandersetzung in der deutschgen Öffentlichkeit durchaus "größere Zustimmung" für den Einsatz sein könnte. Zudem sieht er nicht, dass sich die Sicherheitslage im Norden verschlechtert habe. Als wolle jemand widersprechen, kam gestern eine Stunde nach dem Appell die Nachricht von zwei verletzten Deutschen bei einem Anschlag in Kundus. Wie lange die Deutschen die QRF führen werden "das kann ihnen keiner sagen. Genauso wie die Antwort auf die Frage, wie lange die Bundeswehr noch in Afghanistan bleiben muss", sagt Dammjacob. Nach den Worten des norwegischen Brügner-Vorgängers, Kjell Inge Baekken, wird es "vielleicht noch zehn, 15 Jahre" dauern.

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