Politik : Ende der Ferien: Für das Leben nicht für den Senat (Leitartikel)

Gerd Nowakowski

Renovierungsbedürftige Schulgebäude, überalterte Kollegien, eine Stunde Mehrarbeit, umgesetzte Lehrer und Unterrichtsausfall - wenn heute das neue Schuljahr in Berlin beginnt, dann werden die über 30 000 Pädagogen von alten Problemen begrüßt. Guten Morgen, liebe Sorgen, seid ihr auch schon alle da? Nicht ganz. Denn einiges ist anders geworden in den vergangenen Monaten.

Zum ersten Mal seit den siebziger Jahren ist Bildung und Schule wieder ein zentrales Thema der öffentlichen Diskussion. Doch geht es heute nicht um altsprachliche Elitenbildung gegen verordnete Gleichmacherei auf Gesamtschulen, nicht mehr um überschätzte Lernlabore, sexuelle Aufklärung und hirnquälende Mengenlehre. Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung der Schulen hat eine Gesellschaft im Umbruch begriffen, dass Bildung die entscheidende Ressource für die Zukunft ist.

Damit ist noch keines der Probleme gelöst, mit denen die Berliner Schulen sich plagen müssen. Aber der Wind hat sich gedreht: Lehrer werden nicht mehr nur als die Faulpelze der Nation gemobbt. Zunehmend wird anerkannt, dass die meisten mit immensem Engagement und Kräfteverschleiß eine unverzichtbare Arbeit leisten - unter widrigen und unzureichenden Bedingungen. Doch auch die Lehrer, die noch im Frühling gegen eine Stunde Mehrarbeit auf die Straße gingen, finden aus ihrer Trotzhaltung heraus und akzeptieren die veränderten Forderungen der Gesellschaft. Und Eltern, die vor Monaten zu Zehntausenden gegen Unterrichtsausfall protestierten, machen der Politik Druck.

In Berlin verständigt sich die Senatskoalition nach zehn Jahren gemeinsamer Regierung und nach schwachen Ressortchefs von CDU und SPD endlich ansatzweise auf eine gemeinsame Schulpolitik. 100 Millionen Mark für die Sanierung von Schulgebäuden, 100 Millionen Mark für Computer, zusätzliche Lehrerstellen und die Ausnahme von der pauschalen Mittelkürzung aller Ressorts hat der Senat beschlossen. Zu wenig, zu spät, aber erste Schritte. Ohne weitere Investitionen kann die Schule die gewachsenen Anforderungen nicht erfüllen. Gut gemeinte Reformen wie Frühenglisch oder zusätzliche Wahlfächer an den Grundschulen, denen die Luft ausgeht, weil keine Mittel und Personal vorhanden sind, nutzen keinem und schaden allen.

Der Reformwille ist vorhanden, der Mut zur Erziehung wächst und an ideologischen Eiferern ist kein Bedarf. Einen Kulturkampf will niemand anzetteln, gesucht wird nach pragmatischen Lösungen. Die Sozialdemokraten haben begriffen, dass sie nur mit einer entschiedenen Grundschulreform, mit Leistungsdifferenzierung und zusätzlichen Angeboten in den 5. und 6. Klassen eine immer stärkere Abwanderung in die grundständigen Gymnasien stoppen können.

Statt unehrlicher Multi-Kulti-Romantik wird endlich anerkannt, dass in Klassen mit hohem Ausländeranteil die deutschen Kinder eine Intergrationsaufgabe leisten müssen. Davon sind sie überfordert und es mindert ihre eigenen Bildungschancen.

Nach jahrelangen Diskussionen scheinen die gesellschaftlichen Gruppen auch in der Frage eines wertevermittelnden Unterrichts als Pflichtfach zusammen zu finden. Die Erziehung zu ethischen Haltungen und Einstellungen ist unverzichtbar, um Schüler zu urteilsfähigen, toleranten Bürgern zu machen, und sie ist eine notwendige Ergänzung zur Informationsflut und Leistungsorientierung in der Schule. Verständnis für andere - und eigene - religiöse Überzeugungen zu wecken, stärkt die Immunabwehr gegen rechte Hetze und zunehmende Gewaltbereitschaft an den Schulen. In Berlin besteht die Chance zu einer Regelung, bei der sich die Parteien und die christlichen Kirchen wiederfinden können.

Die Sorgen sind damit nicht geringer geworden, mit denen sich ab heute die Berliner Lehrer und ihre 360 000 Schüler herumschlagen müssen. Unterricht wird weiter ausfallen - etwas weniger; neue Computer mangels Systemwartung unangeschlossen herumstehen - etwas seltener; und Schulen werden weiter auf frische Farbe warten - etwas kürzer. Aber die Probleme werden zumindest nicht mehr schöngeredet und die Pädagogen damit allein gelassen. Es stand schon schlechter um die Schule.

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