Ende einer Karriere : Für Lafontaine soll es das gewesen sein

Oskar Lafontaine, der die Linke als Partei geformt hat, wird nicht wieder an deren Spitze zurückkehren. Er, der Wahlkämpfer, hätte um sich kämpfen müssen.

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Ohne ihn. Oskar Lafontaine wollte schlichten. Jetzt zieht er sich zurück.
Ohne ihn. Oskar Lafontaine wollte schlichten. Jetzt zieht er sich zurück.Foto: dpa

So hat Oskar Lafontaine sich den Abschluss seiner bundespolitischen Karriere sicher nicht vorgestellt. Es ist kurz nach 17 Uhr, Lafontaine sitzt gerade im Flugzeug von Berlin nach Saarbrücken, als er die Nachricht verbreiten lässt, die dieses Mal den endgültigen Abschied des Saarländers bedeuten könnte. In wenigen Sätzen erklärt der 68-Jährige, dass er seine Kandidatur für den Linken-Vorsitz zurückzieht: „Ich habe (...) zur Kenntnis nehmen müssen, dass meine Bereitschaft nicht zu einer Befriedung der innerparteilichen Auseinandersetzung geführt hat, sondern dass die Konflikte weiter eskaliert sind“, schreibt er an seine Genossen. „Ich ziehe daher mein Angebot, wieder bundespolitische Aufgaben zu übernehmen, zurück.“

Es ist nicht Lafontaines erster überraschender Rückzug. Und wieder löst er, der wie kaum ein anderer Politiker Emotionen geweckt hat, ein Beben aus.

Ein Beben, das eine ganze Partei erschüttert. So wie im März 1999, als Lafontaine wegen anhaltender Streitigkeiten mit dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder überraschend als Finanzminister und SPD-Vorsitzender hinschmiss. Oder wie 2005, als er die SPD erst mit seinem Parteiaustritt brüskierte und wenig später ankündigte, für das gemeinsame Wahlbündnis aus der westdeutschen WASG und der ostdeutschen PDS anzutreten. Oder wie Anfang 2010, als er sich überraschend wegen einer Krebserkrankung vom Linken-Vorsitz zurückzog und damit die Partei in einer Führungskrise stürzte, von der sie sich bis heute nicht erholt hat.

Die letzten Tage waren eine Pein für die Linke. Monatelang hatte Lafontaine seine Genossen auf eine klare Ansage warten lassen, ob er noch einmal Parteichef werden wolle. Er ließ verbreiten, dass er wieder topfit sei. Viele rechneten damit, dass er noch einmal auf die bundespolitische Bühne zurückkehren wolle – sei es als Parteichef oder als Spitzenkandidat für die Bundestagswahl 2013. Doch Lafontaine ließ sich nicht unter Zeitdruck setzen, er folgte seinem eigenen Drehbuch. Irgendwann in den vergangenen Tagen hat das Drama seine eigene Dynamik entwickelt. Ist es ihm entglitten?

Vor einer Woche, die Linke war gerade aus dem nordrhein-westfälischen Landtag geflogen, erklärte Lafontaine seine Bereitschaft, noch einmal die Linken-Führung zu übernehmen. Doch nur zu seinen Bedingungen: Er verlangte breite Unterstützung aus der Partei und keine Gegenkandidaten. Seine Botschaft war: Den Wahlkämpfer Lafontaine, der gemeinsam mit Gregor Gysi die Linke zur gesamtdeutschen Partei gemacht hat, gibt es nur, wenn die Partei gesamtdeutsch hinter ihm steht.

Ob Lafontaine dabei unterschätzt hat, welchen hartnäckigen Widerstand er vor allem bei den ostdeutschen Reformern rund um Dietmar Bartsch hervorruft? „Die Erkenntnis, dass er nicht mehr den Rückzug seines Konkurrenten erzwingen kann, ist erst in den letzten Tagen gewachsen“, sagt einer, der ihn seit Jahren kennt. Über „Erpressung“ schimpften viele ostdeutsche Funktionäre. Auch ein gemeinsames Abendessen von Lafontaine, Bartsch und dem noch amtierenden Parteichef Klaus Ernst am Sonntag im Café Dressler führte zu keiner Schlichtung des Konflikts. Spätestens am Montag, als auch sein langjähriger Verbündeter Gysi von ihm abrückte, muss Lafontaine klar geworden sein, dass er sich den Parteivorsitz würde erkämpfen müssen. Und dass nicht alle in der Linken in ihm den Retter in der Not sahen.

Für Lafontaine, der Oberbürgermeister in Saarbrücken, Ministerpräsident und SPD-Kanzlerkandidat war, muss das eine bittere Erkenntnis gewesen sein. Als „krönenden Abschluss“ seiner Karriere hatte er sich erhofft, die Linke noch einmal in den Bundestag zu führen.

Doch die Realität sieht anders aus. Am Dienstagabend treffen sich in einem Bürogebäude in Ostberlin die Landesverbände Berlins und Brandenburgs zur Regionalkonferenz. Als die Nachricht von Lafontaines Rückzug verkündet wird, gibt es Buhrufe, aber auch Applaus.

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