Politik : Ende eines Machtkampfs

Simonis ist nicht länger Unicef-Vorsitzende

Jürgen Zurheide

Köln/Frankfurt - Nach weniger als einer Stunde hatte Heide Simonis verstanden. „Ich werde zurücktreten, um Schaden von der Organisation abzuwenden“, sagte die frühere schleswig-holsteinische Ministerpräsidentin, nachdem sie gemerkt hatte, dass sie im Vorstand bei Unicef Deutschland keine Mehrheit mehr hinter sich hatte. Weil Heide Simonis so rasch das Handtuch warf, beschränkte sich das Führungsgremium des Kinderhilfswerks auf weitere Erklärungen, man dankte der Vorsitzenden für „ihre geleistete Arbeit“ und fügte, in einer dürren Erklärung, dann noch an, dass der Vorgänger von Frau Simonis, Reinhard Schlagintweit, vorübergehend auch ihr Nachfolger sein wird und man jetzt einen Neuanfang starten werde.

Mit dieser Entscheidung ist ein monatelanger Machtkampf bei dem UN-Kinderhilfswerk beendet worden. In der Öffentlichkeit waren zuletzt immer wieder Details aufgetaucht, die den Verdacht nahe legten, die Organisation mit einem Spendenaufkommen in einer Größenordnung von rund 100 Millionen Euro pro Jahr gehe mit den anvertrauten Geldern reichlich großzügig um. Aus anonymen Quellen sickerten Einzelheiten zu Verträgen mit einem ehemaligen Mitarbeiter an die Öffentlichkeit, der in knapp drei Jahren rund 270 000 Euro an Beraterhonoraren kassiert hatte. Außerdem gab es Ärger um eine Großspende von Lidl, zu der eine Provision geflossen sein soll.

Diese Informationen und die Reaktionen darauf waren nach Ansicht einer breiten Mehrheit im Vorstand Teil eines Machtkampfes zwischen der Vorsitzenden Heide Simonis und dem langjährigen Geschäftsführer der Organisation, Dietrich Garlichs. Garlichs hat das Spendenaufkommen von Unicef im zurückliegenden Jahrzehnt erheblich vergrößert, bei seinem Amtsantritt warb man zehn Millionen Euro pro Jahr ein – zwischenzeitlich stieg die Summe auf bis zu 200 Millionen.

Angesichts der kritischen Fragen zur Verwendung des Geldes erlitt die Organisation im Dezember starke Einbußen. Internen Quellen zufolge nahm man 3,5 Millionen weniger als erwartet ein. Die Öffentlichkeit reagierte damit auf die kritischen Berichte und auf die Ermittlungen der Kölner Staatsanwaltschaft gegen Garlichs. Der Vorstand sieht ihn inzwischen allerdings als entlastet an. Ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer von KPMG hat die Vorwürfe unter die Lupe genommen und ist zu dem Ergebnis gekommen, dass es in keinem der behaupteten Fälle persönliche Bereicherung gegeben hat; außerdem standen allen Honoraren nachvollziehbare Leistungen gegenüber.

Als kritisch stuften die Wirtschaftsprüfer allerdings die jeweilige Vertragslage ein, nicht immer waren schriftliche Aufzeichnungen vorhanden. Auch das Spendensiegel prüft die Vorgänge, dessen Chef Burkhard Wilke aber mehrfach betonte, dass Unicef stets vorbildlich gearbeitet habe. Die Verwaltungskosten der Organisation liegen zum Teil deutlich unter 10 Prozent, das Spendensiegel wurde daher bisher ohne Einschränkungen vergeben. Jürgen Zurheide

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