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Energie-Reise : Merkel dringt auf Zusatzabgabe von Akw-Betreibern

Seit Monaten streitet Schwarz-Gelb über längere Laufzeiten von Atomkraftwerken - jetzt besucht Kanzlerin Merkel den Meiler im niedersächsischen Lingen. Die Atomwirtschaft stimmt sie auf zusätzliche Belastungen ein.

Greenpeace Aktivisten projizieren in Lingen den Schriftzug "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel" auf den Kühlturm des Atomkraftwerkes Emsland.
Greenpeace Aktivisten projizieren in Lingen den Schriftzug "Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel" auf den Kühlturm des...Foto: dpa

Unter dem Eindruck der heftigen Debatte über die Zukunft der Atomenergie hat Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Vormittag das Kernkraftwerk Lingen (Niedersachsen) besucht, das vor 22 Jahren ans Netz ging. Begleitet wurde die Kanzlerin auch von Umweltminister Norbert Röttgen (CDU).

Umweltschützer demonstrierten in der Nähe mit zahlreichen Traktoren gegen die Atompolitik der schwarz-gelben Regierung. Union und FDP wollen die Laufzeiten der Kraftwerke verlängern und dafür die Betreiber mit einer Brennelementesteuer zur Kasse bitten. Dagegen wehrt sich die Atomwirtschaft massiv.

Proteste gab es auch schon vor Merkels Ankunft. Die Polizeiinspektion Emsland teilte mit, zehn Greenpeace-Aktivisten hätten die Worte „Atomkraft ist ein Irrweg, Frau Merkel!“ an den Kühlturm des Atomkraftwerks projiziert. Das AKW ist die vierte Station der „Energie-Reise“ der Kanzlerin.

Merkel will Atomwirtschaft über Steuer hinaus belasten

Merkel sagte auf die Frage, ob sie für eine zusätzliche Abgabe über die neue Steuer hinaus sei, die Regierung wolle auf der einen Seite die Haushaltskonsolidierung erreichen und habe da bestimmte Abgaben im Auge. „Ich glaube, dass wir darüber hinaus - aber hier verwende ich ausdrücklich nicht das Wort Abgabe - natürlich darüber
sprechen müssen, in welcher Weise auch die Energiewirtschaft einen Beitrag für die erneuerbaren Energien leisten kann.“

Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) hält eine spezielle Abgabe für sinnvoll, die in den Ausbau der Ökoenergien fließen soll. In der ARD forderte er am Mittwochabend zudem, dass die Brennelementesteuer auch für die Sanierung des Atommülllagers Asse in Niedersachsen verwendet wird. Das Kabinett berät am 1. September über die geplante Brennelementesteuer in Höhe von 2,3 Milliarden Euro pro Jahr für die Atomwirtschaft. Der endgültige Beschluss über die Steuer fällt aber erst Ende September.

Auf ihrem Rundgang durch das vom Energiekonzern RWE betriebene emsländische Kernkraftwerk wurde die Kanzlerin von RWE-Chef Jürgen Großmann und Eon-Chef Johannes Teyssen begleitet. Merkel sagte: „Wir haben ein kurzes Gespräch geführt darüber, dass wir weiter sprechen werden. Wir haben hier natürlich keine Verhandlungen geführt.“ Der Eon-Chef sagte: „Wir hatten wenige Minuten mit ihr und haben sie auf ihrer Lernreise begleitet.“ Lingen sei kein Verhandlungsort.

Beide Stromkonzernchefs gehören zu den Unterzeichnern einer Anzeigenkampagne gegen die Energiepolitik der Bundesregierung. Die Atomwirtschaft wehrt sich gegen die geplante Brennelementesteuer, deren Entwicklung für sie etwa bei einem Regierungswechsel schwer absehbar ist.

Großmann sagte zu der Anzeigenkampagne, dies sei bei dem Rundgang kein Thema mit der Kanzlerin gewesen. Nach seinen Worten habe die Atomwirtschaft keinen Druck auf die Regierung mit den Anzeige ausgeübt, sondern eine Diskussion anstoßen wollen.

Kritik an Energie-Gutachten

In ihren derzeit erarbeiteten Modellen für längere Laufzeiten nimmt die Regierung voraussichtlich niedrigere Ziele für den Anteil an Ökostrom an als bisher geplant. Das geht aus einem Zwischenbericht der Gutachter für die Energieszenarien hervor. Während der Nationale Aktionsplan für erneuerbare Energie einen Ökostrom-Anteil von 38,6 Prozent für 2020 anpeilt, geht die Regierung danach in zwei Modellen von rund 35 Prozent aus und in einem Vergleichsmodell ohne längere Laufzeiten von rund 34 Prozent

Die Gutachten des Energiewissenschaftlichen Instituts der Universität Köln und der Prognos AG sollen Röttgen und Brüderle an diesem Freitag vorgelegt werden. Das Kölner EWI-Institut erhält von den Stromkonzernen RWE und Eon Millionensummen. Eine Sprecherin des Instituts bestätigte einen entsprechenden Bericht der „Süddeutschen Zeitung“, nach dem RWE, Eon und das Land NRW über fünf Jahre je vier Millionen Euro geben. Es handele sich um eine zweckungebundene Grundsatzförderung, die den Konzernen keine Einflussnahme auf Arbeit und Ergebnis des Instituts ermögliche. Das EWI sei unabhängig. Die Umweltschutzorganisation Greenpeace kritisierte hingegen: „Da haben sich die Atomkonzerne ihre Lizenz zur Laufzeitverlängerung selbst ausgestellt.“ (dpa)

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