Politik : Engel vom Dienst

Minus 30 Grad in Rumänien, Schnee und Eis. Da ist ein Mann wie Raed Arafat gefragt. Der ist so etwas wie ein Volksheld geworden. Weil der Notfallarzt ein Rettungsteam aufbaute und Menschen in verzweifelter Lage hilft. „Die Welt braucht wohl Narren wie mich“, sagt er.

Lilo Millitz-Stoica[Bukarest]
Seine Mission. Wenn der gebürtige Syrer Raed Arafat in Rumänien mit seinem Notarztwagen auftaucht, klatschen die Menschen Beifall. Foto: AFP
Seine Mission. Wenn der gebürtige Syrer Raed Arafat in Rumänien mit seinem Notarztwagen auftaucht, klatschen die Menschen Beifall....Foto: AFP

Unter Raed Arafats Augen liegen tiefe dunkle Ringe, doch sein Blick wirkt trotz offensichtlicher Übermüdung munter. Der Unterstaatssekretär im rumänischen Gesundheitsministerium hetzt von einer Dringlichkeitssitzung der Regierung zum nächsten Treffen – und immer in derselben Sache: Es geht um die Kälte. Um die tödliche Kälte, die sein Land von Osten her gepackt hat. Minus 30 Grad werden gemessen, Menschen sind bereits gestorben, in etlichen Stadtteilen von Bukarest sind die Heizungen ausgefallen.

Das Winterchaos ist derzeit die größte Herausforderung für das nationale Notfallsystem sowie für SMURD, Rumäniens mobilen Dienst für medizinische Notfälle und technische Hilfeleistung. Letzteren hat Raed Arafat gegründet, inzwischen koordiniert er das gesamte Notfallsystem, weshalb er auf dem Schreibtisch griffbereit zwei Mobiltelefone nebeneinander liegen hat. Als Gründer des Rettungsdienstes wurde er vor wenigen Tagen sogar zu Rumäniens Volksheld: Tausende gingen für ihn bei Demonstrationen im ganzen Land auf die Straße.

Eines der beiden Handys klingelt, Arafat, ein kahlköpfiger großer Mann von 48 Jahren, greift mit einer längst zum Reflex gewordenen blitzschnellen Bewegung danach. Er blickt konzentriert, auf seiner Stirn macht sich eine erste Sorgenfalte bemerkbar. Ein Notfallwagen von SMURD mit einer Hochschwangeren an Bord ist irgendwo in den Schneemassen stecken geblieben, eine Rettung aus der Luft witterungsbedingt unmöglich. „Was, die Wehen sind bereits heftig? Setzen Sie alle Räumungsmaschinen in der Gegend ein. Geben Sie Bescheid, falls Sie trotzdem nicht zum Krankenwagen vordringen können. Notfalls fordere ich den Einsatz der Armee an“, sagt Arafat ins Telefon.

Als er ein Kind war, so erzählt er, habe er im Fernsehen Krankenhausserien verschlungen und im Alter von 13 Jahren angefangen, erste medizinische Fachblätter zu lesen. Mit 14 gründete der gebürtige Syrer einen Rettungsdienst an seinem Gymnasium im palästinensischen Nablus und half als Freiwilliger in mehreren Krankenhäusern der Stadt sowie bei der lokalen Feuerwehr aus.

Seitdem wusste er, dass für ihn nur ein Medizinstudium infrage kommt. Nach Rumänien kam er 1981, da war er knapp 17 Jahre alt, „weil das damals noch kommunistische Rumänien einfach am schnellsten auf meinen Antrag auf einen Studienplatz reagiert hat“, sagt er. Das Land ist ihm inzwischen längst Heimat, die er auf keinen Fall mehr verlassen will. Hier wurde auch seine Idee groß.

Das Handy auf Arafats Schreibtisch klingelt erneut. Wieder ein Bericht über eine heikle Lage, der Arzt erteilt hastig Anweisungen an seine Leute draußen im eiskalten Schneegestöber.

Da es im kommunistischen Rumänien keine Fachausrichtung Notfallmedizin gab, studierte Arafat zunächst Humanmedizin und bildete sich danach weiter. Er belegte Ausbildungskurse im Bereich der Anästhesie und Intensivmedizin in der Schweiz und Großbritannien. Zur Gründung von SMURD kam es dann direkt nach der Wende.

„Ich wünschte mir nichts sehnlicher, als in einem Notfallteam arbeiten zu können“, sagt er. Der erste Helfer am Ort sein. Den Kranken oder Verletzten, die meist auch verstört oder verängstigt sind, das gute Gefühl geben können: Du bist nicht allein, wir kümmern uns, wir können das. Arafat sagt: „Ich wollte einfach den Einsatz des Arztes nach außen, an den Unfallort, verlegen – und nicht zusehen, wie oft Stunden vergehen, bis eine Ambulanz eintrifft, um den Patienten in ein Krankenhaus zu bringen.“

Arafat lebte damals in der siebenbürgischen Stadt Targu Mures. Und weil es keine Rettungsdienste gab, wie er sie sich vorstellte, wie er sie im Ausland gesehen hatte, tat er das Naheliegende: Er baute selbst einen auf. Mithilfe von Kollegen vom Deutschen Roten Kreuz aus Regensburg kaufte er einen ersten Notfallwagen, „natürlich gebraucht“, sagt Arafat. Der Defibrillator und die restlichen medizinischen Geräte waren ebenfalls gebraucht.

Es war damals in Rumänien üblich, dass die Kranken zum Krankenhaus gebracht wurden, wo man ihnen dann half. Aber wie sie da hinkamen, war oft genug ihre Sache. Arafat lacht, wenn er von seinem ersten Fall erzählt. Da habe sich der Patient in Luft aufgelöst. Es habe sich um einen Verkehrsunfall gehandelt, zu dem er mit dem frisch erstandenen Rettungswagen raste. Am Unfallort sei jedoch vom Verletzten keine Spur mehr gewesen. Den hatten Passanten bereits in das erstbeste Auto gehievt und in ein Krankenhaus transportiert. Ihr erster Patient ging Arafat und seinen Helfern somit durch die Lappen.

„Die Menschen waren es gewohnt, dass eine Ambulanz womöglich erst Stunden nach dem Unfall kommt. Man behalf sich folglich, wie man konnte“, sagt er. Dass die Hilfe zu den Menschen kommen könnte, dass damit auch wertvolle Zeit gewonnen würde, brachte erst Arafat den Rumänen bei. Sein Konzept sah einen Rettungsdienst nach dem Notfallsystem vieler EU-Staaten vor. Direkte medizinische Präsenz auch im außerklinischen Bereich und Einbeziehung der Feuerwehr in Notfalleinsätze. „Das war damals in Rumänien ein Novum“, sagt Arafat.

Es folgten acht Jahre, in denen er als Freiwilliger in Targu Mures im Einsatz war. Nach und nach erfreute sich sein Notfalldienst immer breiterer Unterstützung. Die Bevölkerung in Targu Mures war hocherfreut über die zupackenden Einsätze und gewann Vertrauen zu den neuen Rettern. Was keine Selbstverständlichkeit ist. Das rumänische Gesundheitswesen hat keinen guten Ruf im Land. Wer es sich leisten kann, lässt sich im Ausland behandeln. Der Erfolg des Rettungsdienstes aus Targu Mures sprach sich herum, schließlich wollten immer mehr Landeskreise ihren eigenen mobilen Notfalldienst nach dem SMURD-Modell aufbauen.

2006 beschloss die Regierung dann die Erarbeitung eines gesetzlichen Rahmens, der Struktur und Rettungskette festlegte: außerklinische Versorgung, Datenübertragung, Zusammenspiel mit den Notfallaufnahmen der Krankenhäuser, ständige Einbeziehung der Feuerwehr in Notfalleinsätze, Ausbildung von Fachpersonal. Und Raed Arafat, der das alles angestoßen hatte, wurde 2007 zum Unterstaatssekretär im Gesundheitsministerium ernannt.

Im Unterschied zu den meisten rumänischen Amtsträgern blieb der neue Funktionär jedoch mit beiden Beinen auf dem Boden. An den Wochenenden reist Arafat nach Targu Mures zurück, wo er Bereitschaftsdienst beim lokalen Rettungsdienst schiebt oder Einsätze im Rettungshubschrauber übernimmt. Wenn er tatsächlich etwas Freizeit hat, bleiben die Handys trotzdem eingeschaltet. So ist er, ein bisschen besessen.

Die Medien mögen ihn, weil er nie anmaßend ist und selbst bei Großeinsätzen Zeit findet, um Reportern erste Daten zu liefern. Die Bevölkerung schätzt ihn als jemanden, der die Karriereleiter nicht durch Filz und Korruption erklommen hat, der ehrlich und nicht angeberisch ist. Und er arbeitet weiter: Das medizinische Personal der inzwischen landesweit 67 Notfallabteilungen muss aufgestockt werden, auch beim Luftrettungsdienst gibt es noch viel zu tun. Über all die Zeiten hinweg hat Arafat stets die Unterstützung der jeweiligen Regierungen erhalten.

Umso erstaunlicher ist, was jetzt vor ein paar Tagen geschah. Da ging es in Rumänien um eine Reform des maroden Gesundheitswesens, die Staatschef Traian Basescu angeregt hatte. Der war Ende 2004 als Vertreter einer Demokratischen Allianz gewählt und 2009 im Amt bestätigt worden. Seine Leistungen sind in den Reihen der sozialistischen Opposition, der Nachfolgepartei der ehemaligen Kommunisten, zwar umstritten, sein Stil dafür weniger: Basescu ist dafür bekannt, die Sachen beim Namen zu nennen und auch schon mal jähzornig zu reagieren. Das Fernsehen veranstaltete zur Gesundheitsreform eine Sendung, deren Gast Arafat war. Als der gerade vor laufender Kamera erläuterte, dass der Gesetzentwurf die Einbeziehung privater Dienstleister vorsehe und daher zu einer Kommerzialisierung der medizinischen Notfallversorgung führen könnte, schaltete sich das Staatsoberhaupt plötzlich telefonisch in die Live-Debatte ein. Und nannte den allseits beliebten Arafat einen „Feind der Gesundheitsreform“.

Der Unterstaatssekretär sah von Wortgefechten ab, kündigte jedoch tags darauf seinen umgehenden Rücktritt an.

Das hatte Folgen: Wenige Stunden später gingen in Targu Mures bereits Dutzende Menschen auf die Straße, um Solidarität mit ihrem Lokalhelden zu bekunden. Die Protestwelle schwoll an, erreichte binnen 24 Stunden mehrere Städte und schließlich die Hauptstadt Bukarest. Auf einmal waren Tausende auf der Straße, aus dem Retter vom Dienst wurde plötzlich ein nationaler Held.

Arafat reagierte darauf zunächst regelrecht geschockt. „Ich war wie vor den Kopf geschlagen“, sagt er, nie und nimmer hätte er ein derartiges Ausmaß an Solidarität erwartet. Das Vertrauen der Menschen zu ihm bewog ihn schließlich, auf seinen Posten im Gesundheitsministerium zurückzukehren.

Zuvor hatte ihn Regierungschef Emil Boc zu einem Gespräch gebeten, eine weitere Aussprache gab es auch mit dem Präsidenten. Das Staatsoberhaupt selbst räumte einige Tage später öffentlich auf einer Pressekonferenz ein, mit seinem Ausraster einen Fehler begangen zu haben.

Doch Arafats Comeback konnte die allgemeine Unzufriedenheit nicht mehr eindämmen. Die Straßenproteste richteten sich inzwischen längst gegen die Sparpolitik der Regierung, gegen den Staatschef, der die heikle Aufgabe der Ankündigung unpopulärer Maßnahmen zumeist auf sich genommen hatte, und zunehmend gegen die gesamte politische Klasse des Landes. In der Hauptstadt Bukarest kam es zu blutigen Auseinandersetzungen zwischen Polizei und jugendlichen Randalierern.

Zum Glück habe es keine Schwerverletzten gegeben, sagt Arafat. Dass die Proteste ihrem Auslöser schlaflose Nächte bereiten würden, dürfte wohl keinem der Demonstranten durch den Kopf gegangen sein. Denn Raed Arafat saß natürlich in der Koordinierungsstelle der Notfalleinsätze. Komplett vergessen wurde er jedoch selbst im Tumult der Proteste und Krawalle nicht: Sooft ein Rettungswagen des Bereitschaftsdienstes SMURD an einem Kundgebungsort auftauchte, wurde er stets mit großem Applaus empfangen.

Dass er wegen der Solidaritätskundgebungen nun auch über die Landesgrenzen hinaus bekannt wurde, scheint Arafat eher unangenehm zu sein, bei der Bezeichnung „Held“ winkt er unwillig ab. Er sei nur ein Arzt, der in seinem Fachbereich Notfallmedizin wohl gute Arbeit geleistet habe, doch seien diese Leistungen keineswegs im Alleingang, sondern stets in Teamarbeit erbracht worden, sagt er.

Und dass er seinen Beruf liebt. Auch wenn er ihn, wie jetzt wieder, da das Land im Eis versinkt, um jede Ruhe bringt. „Für mich ist Notfallmedizin eine Lebensanschauung. Kein Job, keine simple Einkommensquelle. Eigentlich bin ich bloß ein Besessener, der in seiner Arbeit aufgeht. Doch braucht die Welt wohl auch Narren wie mich – einen, der einfach immer weitermacht.“

» Gratis: Tagesspiegel + E-Magazin "Wahl 2017"

0 Kommentare

Neuester Kommentar