Entführung : Wie gefährlich ist der Jemen?

Einige der im Jemen entführten Ausländer, darunter Deutsche, sind offenbar tot. Wie gefährlich ist das Land?

Barbara Junge[Juliane Schäuble],Christian Tretbar
282410_0_eafd9dea.jpg

Noch hat das Auswärtige Amt in Berlin nicht bestätigt, dass unter den tot aufgefunden Ausländern im Jemen tatsächlich zwei der sieben vermissten Deutschen sind. Aber was am Montag aus jemenitischen Sicherheitskreisen verlautete, war Anlass zu großer Sorge. Nahe der Ortschaft El Naschur in der Provinz Saada im Norden des Landes wurden mehrere Leichen entdeckt. Dabei soll es sich um drei Frauen handeln – zwei aus Deutschland, eine aus Südkorea. Das Schicksal der übrigen Geiseln sei unklar.

Wer kommt als Täter infrage?

Die jemenitischen Behörden erklärten am Sonntag, Mitglieder der schiitischen Rebellenorganisation Huthi Saidi hätten die Ausländer entführt. Seit fünf Jahren kämpfen die Huthis im Norden des Jemen gegen Soldaten der Regierung, die ihnen vorwirft, einen schiitischen Gottesstaat gründen zu wollen. Bei Kämpfen wurden in Saada seitdem tausende Menschen getötet. Im vergangenen Jahr wurde ein Waffenstillstand vereinbart, der aber als brüchig gilt. Ein Sprecher der Huthi bestritt jedoch eine Verantwortung für die Tat.

Besorgniserregend sei bei der Entführung, dass sie im Bürgerkriegsgebiet im Norden stattgefunden habe, sagte Guido Steinberg, Nahost-Experte der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), dem Tagesspiegel. Das sei eine ganz andere Region als diejenige, in der sich bereits eine Art Entführungsindustrie entwickelt habe. Die Gruppe wurde in Saada verschleppt, einer Hochburg der schiitischen Aufständischen. Die Mehrheit der muslimischen Bevölkerung gehört der sunnitischen Glaubensrichtung an. In einer solch angespannten Konfliktsituation hätten die Geiselnehmer oft nicht die Ruhe, über eine Freilassung zu verhandeln, sagt Steinberg. Allerdings geht er nicht davon aus, dass die Rebellen verantwortlich sind. „Das sind normale Aufständische, keine Islamisten oder Dschihadisten. Bei ihnen ist es bereits schwer vorstellbar, dass sie Geiseln nehmen, geschweige denn diese ermorden, und schon gar keine Frauen oder sogar Kinder.“ Die Regierung versuche wohl, mit ihrer Schuldzuweisung dem Westen klarzumachen, dass sie ein Terrorproblem habe. Steinberg vermutet islamistische „Gotteskrieger“ hinter der Tat. Ein Stammesführer in der Region machte das Terrornetzwerk Al Qaida verantwortlich.

Welche Rolle spielt Al Qaida im Jemen?

In dem südarabischen Land gibt es zwar Al-Qaida-Terrorzellen, die schon mehrfach Ausländer getötet hatten. Auch hat ein Teil der Familie von Osama bin Laden, dem Anführer des Terrornetzwerks, Wurzeln im Jemen. In der mehrheitlich von Schiiten bewohnten Provinz Saada gab es allerdings bislang keine bekannte Präsenz der sunnitischen Terrorgruppe. Der Ort, an dem die Leichen gefunden wurden, liegt jedoch nicht weit von der Jawf-Region entfernt, in der Al-Qaida- Terroristen bereits untergetaucht waren.

„Al-Qaida-Aktivitäten haben im Jemen in den vergangenen zwei, drei Jahren sehr zugenommen“, sagt Nahost-Experte Steinberg. „Das ist dort inzwischen eine starke Organisation.“ Allerdings vermutet er eher eine Gruppierung, die Al Qaida nahestehe und die unter Druck geraten sei. „Gegen eine Tat im direkten Auftrag von Al Qaida spricht – immer vorausgesetzt, dass die Informationen stimmen –, dass die Geiseln so schnell tot waren.“ Die Terrororganisation hätte die Entführung vermutlich stärker für ihre Propaganda „ausgeschlachtet“, beispielsweise mit Videoaufnahmen der Entführten und Forderungen. Von einem Bekennerschreiben ist bisher nichts bekannt.

In deutschen Geheimdienstkreisen wird eine Beteiligung Al Qaidas nicht ausgeschlossen. So soll die Al-Qaida-Führung im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet jüngst ihren nordafrikanischen Ableger mit Anschlägen gegen Deutschland und deutsche Staatsbürger beauftragt haben. Dieser Zweig ist auch im Jemen aktiv. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat daher bereits vor Wochen begonnen, deutsche Unternehmen in Nordafrika vor Anschlägen zu warnen. Die Geschäftsleute sollten auf die erhöhte Gefahr hingewiesen werden. Die deutschen Sicherheitsbehörden waren schon vor dem aktuellen Entführungsfall davon ausgegangen, dass künftige Entführungen weniger glimpflich verlaufen könnten.

Wie gefährlich sind Reisen in das Land?

Die Republik Jemen ist mit rund 23 Millionen Einwohnern der bevölkerungsreichste und ärmste Staat der arabischen Halbinsel. Das Auswärtige Amt in Berlin rät zu besonderer Vorsicht. Von Reisen in die Regionen Marib und Saada wird ebenso abgeraten wie von Einzelreisen durch das Land. Für Ausländer ist der äußerste Norden des Jemens seit Jahren tabu. Nur wenige westliche Ausländer sind noch in dieser Region.

„Die Sicherheitslage ist bereits seit Jahren schlecht, und sie wird schlimmer“, sagt SWP-Experte Steinberg. Das Land habe drei große Probleme: den Bürgerkrieg im Norden, die Al-Qaida-Zuwächse sowie starke separatistische Strömungen im Süden. „Das Land ist ein heißer Kandidat für einen zerfallenden Staat.“

Dennoch reisen laut dem Deutschen Reise-Verband (DRV) jährlich etwa 6000 Deutsche in den Jemen. „Allerdings sind die meisten davon Geschäftsreisende, Touristen gibt es nur einige hundert jährlich“, sagt Torsten Schäfer, DRV-Sprecher. „Wer in diese Region verreisen will, sollte auf jeden Fall nicht auf eigene Faust unterwegs sein, sondern mit einem Veranstalter.“ Insgesamt gebe es gut 70 Veranstalter in Deutschland, die Reisen in den Jemen anbieten.

Wer von bereits gebuchten Reisen zurücktreten möchte, sollte sich laut DRV direkt mit seinem Veranstalter in Verbindung setzen. Dort würden die jeweiligen Stornierungsbedingungen gelten. Der Studienreise-Anbieter Studiosus hat Reisen in den Jemen gar nicht mehr in seinem Programm. „Die Reisen in dieses Gebiet haben wir bereits Mitte 2008 eingestellt, weil wir uns nicht mehr in der Lage gesehen haben, diese sicher durchzuführen“, sagt Studiosus-Sprecher Frano Ilic. Anders ist die Lage beim Berliner Veranstalter Windrose. Der bietet nach wie vor Reisen in den Jemen an, wollte sich am Montag allerdings nicht dazu äußern.

Welche Entführungen gab es bereits?

Westliche Touristen oder Arbeiter werden relativ häufig entführt. In den vergangenen 15 Jahren wurden mehr als 200 Ausländer von unterschiedlichen Stämmen als Geiseln genommen. Oft geht es dabei um Auseinandersetzungen mit der Regierung, oder die Geiselnehmer wollen inhaftierte Stammesmitglieder freipressen. Meistens werden die Geiseln nach der Zahlung von Lösegeld freigelassen, ohne dass es zu Gewalt kommt. Erst am vergangenen Freitag ließen Stammeskämpfer 24 einheimische und ausländische Helfer gehen, die in einem von Saudi-Arabien finanzierten Krankenhaus arbeiteten und 24 Stunden zuvor entführt worden waren.

Aus deutscher Sicht bekanntestes Opfer war der ehemalige Außenstaatssekretär Jürgen Chrobog. Er wurde im Jahr 2005 mit seiner Frau und seinen drei Söhnen während eines Weihnachtsurlaubs im Osten des Landes entführt und nach drei Tagen wieder freigelassen. „Diese Entführung trägt eine völlig andere Handschrift, als das damals bei mir der Fall war“, sagte Chrobog dem Tagesspiegel. Bei ihm habe es sich damals um einen „Stammeskonflikt“ gehandelt. Diese Entführung sei aber etwas völlig anderes. „Im Moment ist alles reine Spekulation, auch, ob es sich bei den Entführern um Al-Qaida-Terroristen handelt, es könnten auch andere Fanatiker sein“, sagte Chrobog. Seine Familie und er waren damals zunächst in einem Zelt festgehalten worden. „Als sie dann erfahren haben, wer ich bin, wurden wir in ein Haus im Dorf verlegt. Wir wurden wie Gäste behandelt“, sagte er. „Nervös wurden sie nur, als sie das Gefühl hatten, Regierungstruppen hätten das Dorf umzingelt, da fühlten sie sich bedroht.“ Normalerweise würde in solchen Fällen der Krisenstab des Auswärtigen Amtes „sehr erfolgreich arbeiten“, aber „dieser Fall ist nicht normal“. Chrobog glaubt aber nicht, „dass sich diese Entführung konkret gegen Deutschland gerichtet hat“.

Britische und niederländische Angehörige der niederländischen Hilfsorganisation Worldwide Services, für die ein Teil der jetzt betroffenen Ausländer gearbeitet hatte, waren bereits 1999 von Stammesangehörigen nördlich von Sanaa verschleppt worden. Sie kamen damals nach 17 Tagen und Lösegeldzahlungen frei.

0 Kommentare

Neuester Kommentar