Entwicklungshilfe : Klagen, Matsch und Gummibärchen

In Haiti besucht Entwicklungsminister Dirk Niebel deutsche Projekte für Erdbebenopfer – dabei stößt er nicht nur auf Zustimmung. Bericht einer ungewöhnlichen Reise.

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Das schafft die Mütze nicht mehr. Um kurz vor acht an diesem Pfingstsonntagmorgen im haitianischen Leogane tauscht der deutsche Entwicklungsminister sein fast allgegenwärtiges olivfarbenes Käppi gegen ein weißes Frotteehandtuch aus. Nach der Tropenregennacht lässt sich die Sonne zwar noch nicht recht blicken, aber die Luftfeuchte am Ort des Epizentrums des Erdbebens vom 12. Januar treibt den Europäern das Wasser aus jeder Pore. Bis zu 300 000 Haitianer haben das Beben nicht überlebt, in Leogane wurden außerdem rund 90 Prozent der Häuser zerstört. Nun warten hier Überlebende darauf, dass Dirk Niebel (FDP) ihnen die Schlüssel zu ihrem neuen Zuhause übergibt.

Die einfachen neuen Hütten, die ein bisschen wie deutsche Gartenhäuschen aussehen, haben Niebel und seine Delegation in der Nacht zuvor eingewohnt – und spätestens am Morgen kennen sie eine Reihe von Problemen, mit denen sich die Haitianer jeden Tag herumschlagen. Von fast 40 Grad über Tag ist es durch den Sturzregen nachts empfindlich kalt geworden. Viele haben in ihrem Holzhaus mit zwei offenen Fensterluken geschlottert – und mussten am Morgen in klamme Sachen schlüpfen. Dass das Schloss an der einen oder anderen Hütte nicht richtig zuzumachen ist, muss die Deutschen nicht kümmern. Zu ihrem Schutz sind rund um die kleine Siedlung UN-Soldaten und haitianische Polizisten aufgezogen. Die Nachtruhe des Ministers beendet gegen fünf ein krähender Hahn, die bescheidenen Waschmöglichkeiten erlauben für die Morgentoilette nur wenige Minuten. Unterwegs dorthin erfährt jeder, was es heißt, wenn kein Schotter Drainage schafft: Unter den Sohlen bildet sich eine zentimeterdicke Matschschicht.

Dirk Niebel sitzt schon früh in hellblauem Hemd und Jeans bei einer Tasse Kaffee und will bereits vor sieben vom Vertreter der deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ), die die Unterkünfte im Auftrag des Ministeriums baut, wissen, wie sichergestellt werden soll, dass es bei der Vergabe der Häuser gerecht zugeht. Das, so hört er, soll ein Auswahlverfahren mit einem Komitee und eine öffentlich ausgehängte Beschwerdeliste sicherstellen. Gegen zehn Prozent der Ausgewählten werde protestiert, etwa, weil sie nicht aus der Gegend seien. Je vier Personen sollen in ein Haus von rund 3,5 mal 3,5 Meter einziehen. Eine Hütte kostet 1900 Euro, die künftigen Bewohner mussten sich am Bau beteiligen. Der eine oder andere stellt sich die Frage, ob es nicht kostengünstiger und effektiver gewesen wäre, für das Geld nur Baumaterial zu stellen. Dann gäbe es möglicherweise noch gar kein Haus oder wieder Konstruktionen ohne Belüftung und Schutz vor Überflutung, heißt es. Allen ist wohl klar, dass die deutschen Norm-Pläne vom Vier-Personen-Haushalt kaum der Lebensrealität entsprechen dürften.

Gegen 8 Uhr 15 ist es dann endlich so weit, Andrise Lambert ist die Erste, die eine mit blau-goldenem Geschenkband zusammengehaltene Eigentumsurkunde von Dirk Niebel bekommt. Der Minister ermahnt die streng blickende Frau im blauen Kostüm und all die anderen aufgeregten Neubesitzer allerdings auch, sich weiter um ihre Häuser zu kümmern, „damit Sie nicht wieder in Pappkartons und Plastiktüten wohnen müssen“. Er erzählt ihnen, was Premierminister Jean-Max Bellerive ihm tags zuvor in seiner Residenz mit Pool und weitläufiger Terrasse in Port-au-Prince zugesagt hat: Bei Problemen mit Grundstücksrechten soll es eine raschere Zusammenarbeit mit dem Planungsministerium geben. Die Eigentumstitel und der große Druck auf die wenigen freien Flächen behindern neben Schikanen beim Zoll viele Vorhaben. Die Kindernothilfe hat für eine Zone zur Betreuung von 2000 Kindern innerhalb eines Camps für Bebenopfer in Port-au-Prince nur mit Nachtwachen und großer Beharrlichkeit ein Terrain freihalten können.

Verbittert klingt der Generalsekretär des Deutschen Roten Kreuzes, Clemens Graf von Waldburg-Zeil. Das DRK hat im Stadion von Carrefour eine Klinik eingerichtet, will und muss aber mittelfristig umziehen. Der Umzug verzögert sich aber. Gerade erst hätten sich wieder „Gangster“ mit völlig überzogenen Forderungen für das Ausweichgelände gemeldet, schimpft der DRK-Mann.

Minister Niebel fasst seine Eindrücke diplomatisch zusammen: „Die Entwicklungsorientierung in weiten Teilen der Bevölkerung und der Eliten ist noch steigerungsfähig.“ Dass Premier Bellerive von den Nichtregierungsorganisationen (NGO) eine Koordinierung mit der Regierung gefordert hat, „verstehe ich bei insgesamt 7000 NGO vom DRK bis zum letzten obskuren Verein“, sagt Niebel. „Absolut indiskutabel aber ist, dass international anerkannte NGOs Schwierigkeiten bei der Registrierung und der Einfuhr von notwendigen Hilfsgütern haben. Die machen das ja nicht, weil sie eine Beschäftigung suchen. Der Wunsch, als Regierung wahrgenommen zu werden, darf nicht für wichtiger betrachtet werden als wirkungsvolle Hilfe“, sagte Niebel dem Tagesspiegel.

Einige NGOs sind allerdings auch auf den Minister sauer, weil sie in seinem Programm nicht zum Zuge kamen. „Ich bin für die Gelder des Steuerzahlers verantwortlich“, deshalb sehe das Programm Projekte vor, die damit finanziert werden. Fast im Stundentakt bis Sonnenuntergang war Niebel am Samstag bei der Kindernothilfe in Sineas, beim DRK in Carrefour, bei einer Partnerorganisation von Kreditanstalt für Wiederaufbau und Deutschem Entwicklungsdienst und in einem von der Caritas unterstützten Heim für Behinderte und Alte in Leogane. „Der Minister steht hier in seinem Schweiße. Ich könnte auch in Sitzungssälen von Hotels subalterne Politiker treffen“, sagt er ein bisschen verärgert. Er könne nicht alle treffen. „Schön, dass die Ressourcen, die anderswo gebraucht werden, genutzt werden, damit Minister Niebel ein authentisches Erlebnis haben kann“, schimpft derweil die Vertreterin einer Organisation, die den FDP-Politiker nicht treffen konnte, mit Blick auf Niebels Nachtquartier. Für Niebel seien extra sanitäre Anlagen geschaffen und Chemietoiletten hingeschafft worden, die nicht für die neuen Bewohner gedacht seien.

Inzwischen begleitet Niebel die achtjährige Lophita Senor und deren Vater Louis ins neue Haus. Der jungen Dame mit dem unwirklich hellen Haar im weiß-geblümten Sonntagskleidchen verschlägt es erst einmal die Sprache. Scheu blickt sie umher, nestelt an ihrem Tütchen Gummibärchen und der Besitzurkunde. Seit dem Beben hat sie unter Kartons und Planen gelebt. Später, wieder mit Allzweckmütze, verspricht der Minister dem SOS-Kinderdorf in Santo beim Hauptstadtflughafen noch 1,3 Millionen Euro für eine Schule und ein Gesundheitszentrum.

Wo heute 433 Kinder wohnen, waren zwei Monate lang auch die 33 Kinder untergebracht, die amerikanische Baptisten nach dem Beben als angebliche Waisenkinder zur Adoption in die USA außer Landes schaffen wollten. Alle Kinder hätten jedoch noch Eltern, berichtet der aus Tirol stammende Nothilfekoordinator Georg Willeit. Die Eltern seien „mit Hoffnung auf ein besseres Leben für die Kinder bezahlt“ worden. „In Haiti besteht eine Tradition, Kinder leicht wegzugeben. Aber diese Leute haben die Notsituation ausgenutzt“, schimpft Willeit. Diese Tradition ist ein weiteres der vielen ungelösten Probleme, die Dirk Niebel nach gut 24 Stunden Haiti als Thema im Gepäck hat.

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