Politik : Entwicklungsländer: Wir Gleichgültigen

Rainer Woratschka

Eltern kennen diese Fragen. Die so harmlos-naiv daherkommen. In denen man sich dann beim Beantworten hoffnungslos verfängt. Weil sich der Fragesteller nicht abspeisen lässt, weil er immer weiterbohrt, bis der scheinbar Überlegene pampig wird - schließlich müsste er sonst ja zugeben, sich nicht wirklich interessiert zu haben. Oder aus Bequemlichkeit mit Scheinantworten zufrieden gegeben zu haben.

Jean Ziegler geht es da besser. Sein Sohn stellt ihm die großen Fragen nach Gerechtigkeit und Verantwortung: Wie es denn sein kann, dass in Afrika, Asien und Lateinamerika so viele Menschen verhungern, während sich die Leute in Europa die Bäuche voll schlagen. Wieso hierzulande die Supermarktregale überquellen und anderswo die Kinder auf Müllhalden nach Essensresten wühlen müssen. Jean Ziegler hat Antworten, fundiert und wütend, er hat ein ganzes Buch damit gefüllt.

"Wie kommt der Hunger in die Welt", lautet der Titel des gut 100-seitigen Frage-Antwort-Spiels. Natürlich ist es konstruiert, und manchmal ist das auch augenfällig und ein wenig störend. Aber im Ganzen erweist sich die Dialogform als gelungen - ermöglicht sie dem Verfasser doch eine Art Schichtverfahren, mit dem sich behutsam immer tiefer eindringen lässt in die zu berichtenden Mechanismen von Verelendung und mörderischer Geschäftemacherei. Der Soziologe Ziegler will ja auch etwas hervorheben damit: Dass junge Menschen auch dort noch fragen, wo sich Erwachsene längst abgefunden haben mit dem scheinbar Unvermeidlichen - den Massengräbern des Hungers.

30 Millionen Menschen sind im Jahr 1999 verhungert. 828 Millionen waren chronisch unterernährt. Weinende Mütter, Kinder mit Skelettgesichtern und aufgequollenen Bäuchen: Warum lässt dieses auf allen Fernsehkanälen zu besichtigende Elend so viele kalt? Zieglers Antwort: Es handelt sich um ein Tabuthema. "Die Menschen schämen sich so sehr ihres Wissens über den Skandal des Hungers, dass sie einen Mantel des Schweigens darüber breiten."

Verdrängung aber ist etwas, das den Genfer Professor und langjährigen Nationalrat in Rage bringt. Der heilen Welt des Alpenstaats setzt er seit Jahren seine Sicht der Schweiz entgegen: das Bild eines scheinheiligen Banken- und Banditen-Imperiums, das sich um des lieben Geldes willen auch nicht scheute, mit den Nazis zu paktieren.

Zieglers zweites Thema, seit seinen Erlebnissen als Assistent bei den UN im Kongo-Krieg, ist die Ausbeutung des afrikanischen Kontinents. Beharrlich weigert er sich, die 100 000 Hungertoten pro Jahr als naturgegeben hinzunehmen. Spricht vom "perversen Mythos" natürlicher Selektion, den die Gleichgültigen bemühen, um gleichgültig bleiben zu dürfen.

Er beschreibt auch die tatsächlichen Ursachen: Börsenspekulation und künstlich aufgeblähte Preise, Umweltzerstörung und Wüstenbildung, Korruption und Kriege. Auch der Westen scheue sich nicht, den "Hunger als Waffe" einzusetzen. Beispiel Irak. Dort sterben laut Unicef aufgrund der US-Sanktionspolitik täglich 200 Kinder an Unterernährung. Und der Schweizer Nestlé-Konzern verweigerte dem chilenischen Präsidenten Allende seinerzeit aus politischen Gründen sogar das Milchpulver, das dieser zum Marktpreis kaufen wollte.

Ziegler nennt die Täter. Die Lebensmittelvernichter der EU. Die Regenwald-Abholzer. Die "Horde wild wütender Spekulanten" in der Commodity Stock Exchange, der Börse für Grundnahrungsmittel in Chicago, die mit einem einfachen Federstrich Hunderttausende in Hunger und Verzweiflung treibt. Wie, so fragt er, sollen bettelarme Staaten Preissprünge von 70 Prozent fürs Getreide verkraften, mit denen sich die Börsenhaie zwischen Januar und Mai 1996 goldene Nasen verdienten?

Mit seiner Empörung hält der Autor nicht hinterm Berg. Blauäugigkeit kann man ihm dennoch nicht vorwerfen. Den Transport gekeulter Rinder nach Nordkorea hätte Ziegler gewiss nicht empfohlen. In seinem Buch warnt er ausdrücklich vor derart simplen Umverteilungs-Vorstellungen. Und gesteht freimütig ein, dass Hungerhilfe auch Kriege verlängern und Mörder satt machen kann. Doch ein Argument dagegen ist ihm das noch lange nicht.

Erst am Ende, nach all den Beschreibungen des Elends und seiner Ursachen, hält der Sozialist Ziegler sein flammendes Plädoyer für mehr Menschlichkeit. Alle Mechanismen der Weltwirtschaft müssten dem einen Imperativ untergeordnet werden: Dass der Hunger besiegt wird und jeder Erdbewohner ausreichend Nahrung erhält. Dafür müsse der "Dschungelkapitalismus" zivilisiert, der immer mörderischer werdenden Diktatur des Finanzkapitals Einhalt geboten und die "törichte neoliberale Ideologie aus der Welt geschafft" werden.

Dieser Epilog klingt naiv, zugegeben. Er offenbart aber auch das sympathisch-hilflose Ringen eines Humanisten. Ziegler zitiert Adorno. Es gibt kein richtiges Leben im falschen, "keine Enklave des Glücks in einer Welt voller Schmerzen". Nach all den Antworten bleibt ihm auch nur eine Frage - an die so genannte Realpolitik. "Wie können wir unseren Kindern in die Augen sehen, wenn wir eine Weltwirtschaft akzeptieren, die ein Sechstel der Menschheit zum Untergang verdammt?"

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