Politik : „Er war ein zärtlicher Vater“

Die Töchter Saddams sprechen im Exil über ihre Kindheit mit dem Diktator – der ihre Ehemänner ermorden ließ

Birgit Cerha[Beirut]

DER IRAKKRIEG UND DIE FOLGEN

Saddams Familie wird immer mehr in die Enge getrieben. Jüngster Beleg ist nach Ansicht von US-Militärexperten die Flucht der beiden Diktatoren-Töchter Rana und Raghad. Nach dem Tod ihrer Brüder Udai und Kusai brachten sich die beiden Frauen mit ihren insgesamt sieben Kindern nach Jordanien in Sicherheit. Weil den „arabischen Frauen“ keine andere Möglichkeit blieb, gewährte Jordaniens König Abdullah ihnen Asyl. Die 36-jährige Raghad und die 34-jährige Rana fanden nach Berichten aus Amman Zuflucht in einem der Paläste des jordanischen Königs. Die Frauen stehen nicht auf der Fahndungsliste der USA. Am Freitag sprachen sie im Fernsehen erstmals öffentlich über ihren Vater, der einst ihre Ehemänner als Verräter ermorden ließ.

In einem Interview mit dem amerikanischen Sender CNN sagten die beiden Frauen, sie hätten Saddam seit einem letzten Familientreffen sieben Tage vor dem Krieg nicht mehr gesehen und wüssten nicht, wo er sich aufhalte: „Er hat ein großes Herz und war ein zärtlicher Vater. Wir beten für ihn.“ Raghad, ihre Schwester Rana und die Kinder hatten Bagdad nicht verlassen, bis die US-Truppen in die Hauptstadt einmarschierten. Saddams ältere Tochter Raghad sagte ebenfalls am Freitag dem Sender „Al Arabija“, ein Verrat seiner engsten Berater sei für den Sturz ihres Vaters verantwortlich. „Verrat ist kein Wesenszug der Araber“, sagte Raghad.

Raghad und Rana haben noch eine jüngere Schwester. Der Verbleib von Hala und der Mutter der fünf Kinder Saddams aus erster Ehe, Sajida Khairallah Telfah, ist indes unklar. Halas Mann, General Kamal Mustafa Abdallah Sultan al-Tikriti, Nummer zehn auf der Liste der 55 meistgesuchten Angehörigen des gestürzten Regimes, hatte sich am 17. Mai der US-Militärführung im Irak ergeben.

Nach Medienberichten hat auch Saddams erste Frau und Kusine Sajida den Irak schon länger verlassen. Sie könnte sich in Beirut aufhalten. Saddam unterhält seit langem eine Beziehung zu Samir Shahbandan, die einer prominenten irakischen Familie entstammt. Sie wird im Irak als seine zweite Frau bezeichnet. Nach nicht bestätigten Berichten sollen die beiden einen fast 20-jährigen Sohn haben.

Saddams Töchter lebten einst in Luxuspalästen in der Heimatstadt des Clans, in Tikrit. Nach arabischer Tradition hatten die Frauen in Saddams Familie ein zurückgezogenes Leben jenseits des politischen Geschehens geführt. Sie hatten keinerlei Anteil an den Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die ihr Vater und ihre Brüder begingen. Vielmehr wurden Raghad und Rana selbst Opfer der Brutalitäten Saddams.

Im August 1995 waren die beiden Ehemänner von Raghad und Rana – die Brüder Hussein Kamel und Saddam Kamel Hasan Majid – nach einem schweren Konflikt mit Udai Hussein schon einmal mit ihren Familien nach Jordanien geflüchtet. Vom jordanischen Exil aus kritisierten die beiden Männer, die wichtige Positionen bekleidet hatten, das Regime und wurden zu Informanten westlicher Geheimdienste. Schließlich gelang es Saddam, die abtrünnigen Schwiegersöhne wieder zurück in die Heimat zu locken. Dort erwartete sie Udai, der die Männer zum Familienhaus nach Bagdad bringen ließ. Sie wurden zur Scheidung von ihren Frauen gezwungen und anschließend brutal ermordet.

Saddams Töchter führten seit dem Tod ihrer Männer ein abgeschiedenes Leben in Tikrit. Sie weigerten sich, Familienmitglieder zu sehen, mit Ausnahme ihrer Mutter. Dass sie sich nun ausdrücklich zu ihrem Vater bekennen, deutet jedoch darauf hin, dass sich die beiden mit Saddam Hussein inzwischen versöhnt haben.

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