Ermittlungen : Großrazzia gegen Neonazi-Musikszene

Es war nicht nur ein Schlag – eher wie ein Lawine sind die Sicherheitsbehörden am Mittwoch über die braune Szene hereingebrochen. Das BKA und die Polizei beschlagnahmten bundesweit 45.000 Tonträger.

Frank Jansen

Berlin -  „Das war die größte Razzia gegen das rechtsextreme Musikbusiness in der Geschichte der Bundesrepublik“, sagte ein Experte. In allen Bundesländern haben hunderte Polizeibeamte Wohnungen und Geschäftsräume von mehr als 200 Personen durchsucht, die bei Verkäufen auf der Internet-Handelsplattform „www.UnserAuktionshaus.de“ aufgefallen waren, dem größten der braunen Pendants zu eBay. Mehr als hundert örtliche Staatsschutzdienststellen waren im Einsatz. Der Aufwand hat sich gelohnt: Die Fahnder beschlagnahmten über 45 000 rechtsextreme Tonträger, allein in Brandenburg und Berlin waren es insgesamt rund 3400.

Gefunden wurde alles, was sich die Szene in die Ohren dröhnt, wie die Hass- und Krachorgien von Bands wie Landser, Skrewdriver, Brutal Attack, Noie Werte und Kampfzone. Die Beamten nahmen auch 173 PCs und Laptops mit, 455 Propagandaschriften, 53 braune Devotionalien, darunter Uniformteile mit Nazisymbolen – und etwa 70 Waffen.

Bei den Ermittlungen gegen die Plattform hatten die Strafverfolger im April 2007 einen Verbund gebildet, die „AG Netzwerk“. Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium Stuttgart kooperieren da mit dem Bundeskriminalamt. Gemeinsam ging man Hinweisen nach, die das Bundesamt für Verfassungsschutz gegeben hatte. Das BfV und die Partnerbehörden in den Ländern haben „UnserAuktionshaus“ schon lange im Visier. Die Handelsplattform existiert bereits seit 2001. Sicherheitsexperten berichteten am Mittwoch, die Zahl der Zugriffe auf „UnserAuktionshaus“ liege bei zwei Millionen.

Schon mehrfach waren die Behörden gegen „UnserAuktionshaus“ vorgegangen. Der Razzia vom Mittwoch ging eine Durchsuchung im September 2007 voraus, bei der dem Betreiber der Plattform, dem Stuttgarter Neonazi D., der Server weggenommen wurde. Das BKA wertete dann rund 20 000 Auktionen aus, an der sich etwa 800 Nutzer beteiligt hatten. Außerdem mussten sich die Beamten mit den bei der Razzia sichergestellten 10 000 Tonträgern befassen. Eine schlimmere Qual sei kaum vorstellbar, sagten Experten in sarkastischem Ton. Immerhin waren 1000 Musiktitel von Rechtsrockbands, darunter 250 in Englisch und Französisch, durchzuhören, um Straftaten festzustellen.

Gegen die jetzt beschuldigten mehr als 200 Personen im Alter zwischen 21 und 45 Jahren wird wegen des Verdachts auf Volksverhetzung, Verbreitung von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und andere Delikte ermittelt. Außerdem hat die Szene den wichtigsten Marktplatz im Internet verloren – auch wenn auf der Homepage von „UnserAuktionshaus“, mit der Eigenwerbung „das erste nationale Auktionshaus mit über 2500 Benutzern“, noch verkündet wird: „Das Original kommt wieder“. Die Behörden beobachten zudem andere Online-Plattformen. Das BKA ist an Ermittlungen gegen Rechtsextremisten beteiligt, die über eBay braune Musik und weitere Utensilien verbreitet haben sollen.

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