Politik : Erzbischof Dyba gestorben: Der Poltergeist des Herrn

Martin Gehlen

Für die einen war er das "Flammenschwert Gottes" und die "Speerspitze des deutschen Episkopats", für die anderen war er einfach ein "Rechtsradikaler im Bischofsgewand" und mittelalterlicher Poltergeist. Kein anderer deutscher Oberhirte der Nachkriegszeit hat in religösen und politischen Fragen so die Geister geschieden wie Johannes Dyba, Erzbischof von Fulda. Er war ein Meister der provokanten Rede und der geschliffenen Beleidigung - seine Pointen setzte er gerne mit einem spitzbübischen Grinsen im Gesicht. Gab er ein Interview oder nahm er an einer Talkshow teil, war für Schlagzeilen und öffentliches Aufsehen gesorgt. In der Nacht zum Sonntag ist der scharfzüngige, 70-jährige Kleriker überraschend an Herzversagen gestorben.

Sein Hirtenamt verstand Johannes Dyba als Kampfposten des Glaubens gegen den säkularen Staat. Abtreibungen verurteilte er als "Kinder-Holocaust". Die für einen straffreien Schwangerschaftsabbruch nötigen Beratungsscheine disqualifizierte er als "Tötungslizenzen". Als erster deutscher Bischof befahl er bereits 1993 - also ganze sechs Jahre vor der offiziellen päpstlichen Anordnung - den Ausstieg der Schwangerenberatungsstellen seines Bistums aus dem staatlichen System. Damit wollte er "ein deutliches Zeichen des Widerspruchs und der Umkehr setzen".

In der deutschen Bischofskonferenz gefiel Dyba sich in der Rolle des enfant terrible, auch wenn er mit seinen Ansichten meist allein dastand: "Johannes, seitdem du hier bist, gibt es Streit", fuhr ihn vor einem Jahr ein geweihter Kollege entnervt an, als die Vollversammlung der Bischofskonferenz erneut über den von Rom gewünschten Ausstieg aller Bistümer aus der Schwangerschaftsberatung brütete. Dyba titulierte seine Bischofskollegen im Gegenzug schon mal als Büttenredner und brüstete sich mit seinem guten Draht zu Johannes Paul II. Gerne erzählte er, wie er einst am Strand von Ostia den katholischen Pontifex kennen gelernt hatte: "Wir hatten beide die Badehose an, und das Wasser stand uns bis hier", sagte er dann und fuchtelte in seiner Bauchgegend herum. Gerne erzählte er auch, dass er nach seinen Besuchen im Vatikan nie mehr wisse, ob nun deutsch oder italienisch gesprochen wurde, und dass er sich immer wundere, wie steif die anderen Bischöfe beim Papst werden. Er dagegen mache bei Johannes Paul genauso seine Pointen, nehme nie ein Blatt vor den Mund - "Ich sage auch ihm, was ich sehe und denke."

Diese Eigenschaft war sein Markenzeichen. Mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) lieferte er sich regelrechte Gefechte. Innerkirchliche Demokratisierungs- und Basisbewegungen schätzte er nicht allzu sehr. So warf er Ende Mai dem Hamburger Katholikentag "Degenerationserscheinungen" vor, Beliebigkeit und die Verbreitung von "Schwachsinn". Die politische Theologie kritisierte er als "zutiefst unchristlich". In der feministischen Theologie, "die ungefähr gleichzeitig mit dem Kaugummi aus Amerika zu uns gekommen ist", sah er eine "Tendenz zur Gotteslästerung".

Entsprechend gequält fielen darum auch die Nachrufe aus den Reihen der Kirche aus. So erklärte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Karl Lehmann, der Verstorbene habe immer wieder "einen leidenschaftlichen Einsatz für ein entschiedenes Christsein und eine unzweideutige Kirchlichkeit" geleistet. Der Münchner Kardinal Friedrich Wetter sagte, die Liebe zu seiner Kirche sei für Dyba auch in streitbaren Auseinandersetzungen Maßstab und Ziel gewesen.

Berufswunsch: Boxer

Johannes Dyba wurde am 15. September 1929 in Berlin geboren. Streitlustig war er schon als Kind: "Der sich in der Familie die Streiche ausdachte, war eigentlich immer ich", bekannte er einmal. Sein Vater stammte aus dem Wedding, die Mutter aus dem Rheinland. Dybas Eltern lernten sich kennen im Gesprächskreis von Carl Sonnenschein, der in den zwanziger Jahren eine Integrationsfigur in der katholischen Gemeinde Berlins war. Als sie heirateten, war der Vater 44, die Mutter 31 - beide temperamentvolle Menschen, die sich häufig und gerne stritten. "Bei uns zu Hause ging es oft hoch her", erinnerte sich der Erzbischof, der als Kind Boxer, Missionar oder Pilot werden wollte.

Zu seinen prägenden Kindheits- und Jugenderfahrungen gehörte das Gefühl der Geborgenheit in der Familie. "Was auch immer geschah, wir vier Kinder hatten das unerschütterliche Gefühl, dass die Eltern niemals auseinandergehen würden." Alle zwei, drei Wochen gingen sie zur Beichte, der Vater zu den Dominikanern nach Moabit, die Mutter zu den Salvatorianern nach Reinickendorf. Echt katholisch also. Denn "danach herrschte wieder Frieden".

Nazizeit und Krieg erlebte die Familie in Berlin. Dybas Vater wurde bereits kurz nach der Machtergreifung aus dem Schuldienst entlassen und schlug sich fortan als Versicherungsvertreter durch. Als Pilzsammler getarnt, beobachtete Johannes Dyba als Jugendlicher einmal zusammen mit Vater und Bruder den Eingang des Konzentrationslagers Oranienburg. Ein Pferdewagen mit Häftlingen kam heraus, die Wachleute schwangen sich auf die Pferde und ließen die Häftlinge den Wagen ziehen. "Wir wussten genau, was los war", sagte er rückblickend.

Nach dem Krieg studierte er zunächst Jura in Bamberg und an der Duke-University in North Carolina. In Heidelberg promovierte er mit einer Dissertation zum Thema "Einfluss des Krieges auf die völkerrechtlichen Verträge". Erst als 26-Jähriger entschloss sich Dyba, Priester zu werden. "Kein Blitzschlag, keine enttäuschte Liebe" habe ihn dazu gebracht. Das sei mehr eine "innere Entscheidung" gewesen, die ihn nur ein paar Winternächte gekostet habe: "Einmal richtig durchgeglaubt, und da war ich da."

Der Weihe 1959 in Köln folgten eine kurze Kaplanszeit in der Domstadt und in Wuppertal, bevor ihn Kardinal Frings nach Rom schickte. 1962 schloss Dyba die vatikanische Diplomatenakademie mit einer zweiten Promotion in Kirchenrecht ab und blieb anschließend im Dienste der Kurie. Auslandserfahrung sammelte er an der Nuntiatur in Argentinien und den Niederlanden. Anschließend ging er nach Kinshasa in Zaire, danach war er bis 1977 an der vatikanischen Botschaft in Kairo tätig. Im August 1979 weihte ihn Papst Johannes Paul II. zum Bischof und bestellte ihn zum Apostolischen Nuntius in den westafrikanischen Ländern Liberia und Gambia, gleichzeitig zum Apostolischen Gesandten in Guinea und Sierra Leone. Dem Vorwurf, er sei ein "weltfremder Kirchenfürst", hielt Dyba später stets entgegen, man werde kaum einen Kirchenfürsten finden, der weniger weltfremd sei als er, "der sich ein Vierteljahrhundert lang in der Welt herumgetrieben hat".

Im September 1983 schließlich ernannte der Papst Dyba zum neuen Oberhirten von Fulda. In sein Bischofswappen ließ er auch den Berliner Bären eingravieren - "Symbol für meine irdische Heimat". 1990 wurde er katholischer Militärbischof von Deutschland, besuchte deutsche Soldaten bei Manövern, beim Einsatz im Kosovo und nahm an Soldatenwallfahrten in den französischen Pilgerort Lourdes teil. Oder er knatterte, anders als seine Mitbischöfe, die Bahn, Golf oder Mercedes fahren, schon mal per Hubschrauber zu einem Bischofstreffen.

"Es ist unsere Pflicht, den Menschen ins Gewissen zu reden. Und wer das nicht tut, der hat als Bischof ein strenges Gericht zu erwarten", mahnte der in seinem Bistum überaus beliebte Erzbischof immer wieder. Die Deutschen sah er in einer "enormen moralischen Krise". Vorbilder für die Christen seien nicht "die Sodoms und Gomorrhas unserer Zeit, die sich am Gestank des eigenen Schmutzes betäuben. Unser Vorbild ist das himmlische Jerusalem, die Tochter Zions, die da laut jubelt in der Gegenwart ihres Gottes", predigte er beim letzten Fronleichnamsfest. Der Glaube der Kirche sei weder mittelalterlich noch postmodern, sondern zeitlos. Die Kirche, sagte Dyba, habe eine "riesige Botschaft: das Heil, das endlose Glück des Menschen". Deshalb solle sie nicht so tun, als verkaufe sie alte Semmeln, sondern sie solle "unverschämt katholisch" sein. "Unverschämt" wollte er sein, nicht im Sinne von unhöflich, sondern als Gegenteil von "verschämt".

Er sei Priester geworden statt Jurist, sagte der passionierte Schachspieler Johannes Dyba einmal, "um das Wort Gottes in der eigenen Sprache zu verkünden und nicht, um als Diplomat in verschiedenen Sprachen immer nur zu schweigen." Im April pilgerte Dyba, der zuvor eine schwere Bronchien-Erkrankung überstanden hatte, zum ersten Mal ins Heilige Land. Er besuchte die Stätten des Lebens und Todes Jesu und wirkte dabei oft nachdenklich. Und er predigte im kleinen Kreis über die Bedeutung des himmlischen Jerusalems für den glaubenden Menschen sowie die christliche Auferstehungshoffnung.

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