Politik : „Es hätte viele Tote gegeben“

Polizei entschärft in London zwei gewaltige Bomben – kurz vor dem zweiten Jahrestag des 7. Juli

Markus Hesselmann[London]

Die Höllenmaschine stand mitten im touristischen Zentrum der britischen Hauptstadt. Gleich um die Ecke vom Piccadilly Circus hat die Londoner Polizei in der Nacht zum Freitag eine Autobombe entschärft. Eine Explosion an dieser Stelle hätte auch in der Nacht verheerende Folgen gehabt. „Viele, viele Menschen waren auf der Straße“, sagte Chefermittler Peter Clarke am Freitag bei einer Pressekonferenz. „Um diese Zeit kommen sie aus den Clubs. Es hätte viele Tote gegeben.“ Die Täter hatten einen Mercedes mit 60 Litern Benzin, mehreren Gasbehältern, Nägeln und einem Sprengsatz im Haymarket abgestellt.

Am Freitagabend teilte Clarke dann mit, dass in der Nähe des präparierten lindgrünen Mercedes ein zweiter, blauer Wagen des selben Herstellers und mit der gleichen Art Sprengsatz gefunden worden sei. Zwischen den beiden entschärften Autobomben bestehe eindeutig eine Verbindung, sagte der Chef der Anti-Terror-Einheit.

Kurz nach der Amtsübernahme des neuen Premiers Gordon Brown sollte London wieder Ziel eines großen Anschlags werden. In einer Woche begeht die Stadt den zweiten Jahrestag der U-Bahn-Anschläge vom 7. Juli 2005 und gedenkt der 52 Toten. „Die Sicherheit unseres Landes ist einer ernsten und dauerhaften Bedrohung ausgesetzt“, sagte Brown.

Der Ernstfall im Zentrum Londons ist per Zufall verhindert worden. Nachrichtendienstliche Hinweise auf einen Anschlag hatte es nicht gegeben. Um ein Uhr nachts wurde ein Krankenwagen zum Nachtclub „Tiger Tiger“ gerufen. Den Sanitätern fiel der lindgrüne Mercedes auf, der vor dem Club stand. Sie riefen die Polizei, weil aus dem Wagen Rauch- oder Gasschwaden drangen. Die Straße wurde evakuiert. Sprengstoffexperten entdeckten und entschärften die Bombe – „manuell“, wie Clarke sagte.

Festnahmen gab es zunächst nicht. Über Verdächtige oder Hintergründe wollten die Ermittler nichts sagen. Die Machart der Autobomben erinnerte an im Jahr 2004 aufgeflogene Pläne einer britischen Gruppe, die mit Al Qaida in Verbindung gebracht wurde. Islamistische Terroristen hatten geplant, ein Auto mit Gasbehältern an einem neuralgischen Punkt der britischen Hauptstadt explodieren zu lassen. Beobachter fühlten sich am Freitag sogar an Bagdad und Basra erinnert. „Methoden aus dem Irak werden auf die Straßen Londons getragen“, sagte Frank Gardner, der Sicherheitsexperte der BBC.

Der britische Islam-Rat lobte die Arbeit der Polizei. Der Verband rief alle Muslime auf, den Sicherheitsbehörden dabei zu helfen, den Fall aufzuklären und die Täter zu fassen.

Nach den Angaben des Senders „Sky News“ gingen die Behörden davon aus, dass die Bombe in dem lindgrünen Mercedes, der zunächst entdeckt wurde, mit einem Mobiltelefon gezündet werden sollte. Eine frühe Zeugenaussage, nach der ein Mann mit dem Mercedes im Haymarket einen Unfall hatte, den Wagen stehen ließ und floh, hielt die Polizei erst einmal nicht für glaubwürdig. Sollte tatsächlich Rauch aus dem Auto gedrungen sein, so könnte dies auf einen misslungenen Zündversuch hindeuten. Es könnte sich aber auch um Gasschwaden gehandelt haben. Genaue Analysen der im Wagen gefundenen Apparate und Substanzen standen noch aus. Die Polizei untersuchte außerdem Aufnahmen von Überwachungskameras, die in Großbritannien an vielen öffentlichen Plätzen und Straßen angebracht sind.

Die Gegend am Piccadilly Circus blieb während des ganzen Tages abgesperrt. Unternehmen schickten ihre Mitarbeiter wieder nach Hause. Die Londoner Innenstadt ist nicht nur das politische, sondern auch das wirtschaftliche Zentrum Großbritanniens. Zehntausende Pendler waren von Verspätungen im Nahverkehr und von Staus auf den Straßen betroffen. Die allermeisten trugen es mit Gleichmut. Allerdings gab es Beschwerden von Anwohnern am Haymarket, weil die Polizei sie angeblich zu spät über die Bedrohung informiert habe.

Ob der Club „Tiger Tiger“ gezielt ausgesucht worden war, blieb zunächst Spekulation. Nachtclubs und Diskotheken gelten aber als mögliche Ziele islamistischer Täter. Unlängst hatten sich Verdächtige über Pläne ausgetauscht, den Londoner Nachtclub „Ministry of Sound“ in die Luft zu sprengen. Bis zum Zeitpunkt der Bombenentschärfung hatte im „Tiger Tiger“ eine sogenannte „Ladies Night“ nur für Frauen stattgefunden. Chefermittler Clarke sagte, seine Behörde sei in Kontakt „mit unseren internationalen Partnern“, um sich über mögliche internationale Hintergründe der Tat auszutauschen. Beim Bundesinnenministerium in Berlin hieß es am Freitag, dass es „keine veränderte Bewertung der Sicherheitslage in Deutschland“ gebe. Es liege „eine hohe abstrakte Bedrohung“ vor, aber es gebe „keine konkreten Hinweise“, sagte ein Sprecher.

Die neue britische Innenministerin Jacqui Smith war gerade einen Tag im Amt, als sie am Freitagmorgen eine außerordentliche Sitzung der Antiterrorkommission „Cobra“ leiten musste. „Dieser Fall zeigt, wie wichtig eine aufmerksame Öffentlichkeit ist“, sagte Smith. Doch das allein wird wohl nicht reichen. Regierungschef Brown strebe einen politischen Konsens an, um die britischen Antiterrorismusgesetze weiter zu verschärfen, hieß es bei der BBC. Oppositionsführer David Cameron bot ihm Zusammenarbeit an. Browns Vorgänger Tony Blair war mit dem Versuch gescheitert, Terrorismusverdächtige für 90 Tage ohne Anklage festhalten zu lassen. Mehr als 28 Tage ließen sich politisch nicht durchsetzen.

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