Politik : Es muss nicht immer ein Kniefall sein

Jahrestag des Warschauer Aufstands: Forderungen von Vertriebenen belasten Schröders Reise nach Polen

Thomas Roser[Warschau]

Trotz seiner häufigen Reisen ins Nachbarland ist dem Gast die Symbolkraft seiner Visite in Polen bewusst. Als „Zäsur“ bezeichnet Bundeskanzler Gerhard Schröder seine Teilnahme an den Feiern zum 60.Jahrestag des Warschauer Aufstands am Sonntag: Von der Einladung sei er „tief bewegt“. Der polnische Präsident Aleksander Kwasniewski sagte am Freitag im polnischen Rundfunk: „Für Polen ist jede Form einer Revision des Nachkriegs-Status inakzeptabel.“ Er erwarte, dass Schröder die Entschädigungsfrage in einem Geist ansprechen werde, „der dem Aufbau einer guten Zukunft in Europa dient“. Das tat Schröder noch vor seiner Ankunft. „Niemand wird für solche Ansprüche Gehör oder Unterstützung finden“, sagte er in einem Interview des polnischen Wochenmagazins „Polityka“. Die Bundesregierung werde Forderungen dieser Art „nie unterstützen“. Er sprach sich auch klar gegen die Errichtung eines Zentrums gegen Vertreibungen in Berlin aus.

Selbst sechs Jahrzehnte nach der Niederschlagung des Aufstands, bei dem 200 000 Warschauer ums Leben kamen, können manche ihre Abneigung kaum verbergen. Schröder sollte nicht kommen, meint Jaroslaw Kaczynski, Chef der konservativen Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS): „Wir sollten darüber diskutieren, ob Deutsche überhaupt an solchen Veranstaltungen teilnehmen sollten.“ Derart schroffe Reaktionen sind in Veteranenkreisen aber kaum zu vernehmen. Von Schröder werde in Warschau „kein Kniefall“ erwartet, stellt der einstige Aufstandskämpfer Wladyslaw Bartoszewski klar. Bei der Beschreibung des Zustands der bilateralen Beziehungen nimmt der Ex-Außenminister indes kein Blatt vor den Mund: „Wir sind schon einmal weiter gewesen.“ Als zwei Jahre nach der Wiedervereinigung der deutsch-polnische Nachbarschaftsvertrag geschlossen wurde, war die Hoffnung groß, mit der rechtlichen Bewältigung des Kriegserbes ein neues Kapitel zu beginnen. Doch die Erwartung, dass mit Polens EU-Beitritt eine Normalisierung einsetzen werde, hat sich als Trugschluss erwiesen.

Es sind weniger die Verstimmungen im Irak-Konflikt oder beim Streit um die EU-Verfassung, die das Klima vergällt haben. Vor allem die vom Bund der Vertriebenen (BdV) losgetretene Debatte um ein Zentrum gegen Vertreibungen sowie die Kompensationsforderungen der Preußischen Treuhand haben in Polen alte Vorbehalte neu geschürt. Die Furcht, dass die Nachbarn die Geschichte umschreiben wollten, vermag BdV-Chefin Erika Steinbach nicht zu zerstreuen. Dass der die Aussöhnung jahrzehntelang torpedierende BdV in Berlin eine Gedenkveranstaltung zum Warschauer Aufstand organisierte, empfanden Polens Veteranen als taktlose Provokation. Umgekehrt versuchen nicht nur Politiker mit antideutschen Ressentiments zu punkten. Bei der Lektüre von Polens Presse drängt sich der Eindruck auf, dass Erika Steinbach im Nachbarland die eigentliche Kanzlerin sei.

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