Essay : Wahlentscheidend ist auf dem Platz

Ohne Beziehung zum Sport wird man nicht US-Präsident. Barack Obamas Biografie wurde stark von Basketball beeinflusst.

Andrei S. Markovits,Nikolaus Panny

Irgendwo in Pennsylvania, eine kurze Pause im Wahlkampf. Barack Obama steht auf einem Basketballcourt und fordert lautstark den Ball. Seine engsten Mitarbeiter spielen ihn an, immer wieder, denn Obama kann quirlig dribbeln und flink passen. In Sportkleidung erkennt man erst, wie schmächtig der Senator aus Illinois ist. Dennoch setzt er sich oft durch. Der Trick des Linkshänders und Chicago-Bulls-Fans ist, rechts anzutäuschen und scharf links vorbeizugehen – was die meisten seiner Gegenspieler, die gewöhnlich Rechtshänder zu verteidigen haben, fast zur Verzweiflung treibt. „I love to play this game“, sagt Barack Obama. Und weiter geht’s.

Jeder Bewerber für das Amt des US-Staatsoberhaupts ist gut beraten, ein sportliches Hobby zu haben. No sports? Das würde den sportverrückten Amerikanern suspekt erscheinen. Obamas Rivale John McCain gibt sich als strammer Anhänger von American Football. Gern erzählt er eine Anekdote aus seiner Gefangenschaft während des Vietnamkriegs. Damals rasselte er im Verhör die Angriffsspieler der Green Bay Packers herunter, als man ihn zwingen wollte, die Namen seiner Kollegen preiszugeben.

Sport und Spitzenpolitik sind in den USA eng verbunden. Es begann mit dem ersten Präsidenten George Washington, dessen große Passion Wrestling gewesen sein soll. Auch Abraham Lincoln hat in jungen Jahren reihenweise Gegner auf der Matratze malträtiert, war mit 21 Regionalmeister in Illinois. Theodore Roosevelt tobte sich beim Wrestling, Boxen, Tennis, Rudern, Reiten, Polo und Disziplinen wie Nacktbaden und Jiu Jitsu aus. Fast alle Präsidenten waren dem Sport aktiv verbunden: Gerald Ford erspielte sich als Footballer an der University of Michigan Starstatus, John F. Kennedy war ein mit Trophäen ausgezeichneter Segler.

Noch heute sind große Sportereignisse geprägt vom Einfluss der Präsidenten. So übernahm William Howard Taft den ersten Wurf zur Eröffnung der Baseballsaison 1910 – seitdem hat sich kein Präsident diese Tradition mehr nehmen lassen. Der Legende nach soll der beleibte Politiker Taft bei einem Spiel während einer Pause im siebten Inning von seinem Sitz aufgestanden sein, um sich zu stretchen – heute üben sich viele Zuschauer im „seventh inning stretch“, in jedem Baseballspiel quer durch alle Ligen. Natürlich pilgern auch alle Meistermannschaften ins Weiße Haus, um dem Präsidenten ein Trikot mit der Nummer 1 zu überreichen. Auch der scheidende Amtsinhaber George W. Bush ließ sich diese Termine nicht nehmen, zumal er vor seiner politischen Karriere geschäftliche Erfolge im Sport gefeiert hatte – als Mitbesitzer der Texas Rangers, einesBaseballklubs. Bush war auch ein begeisterter Läufer, bis sich herbe Knieprobleme bemerkbar machten.

Aber Sport muss auch für politische Spielchen herhalten. Das war während dieses Wahlkampfs sichtbar. So unterstützte Obama in den Baseball-Play-offs die White Sox, die traditionell die „Southside“ seiner Heimatstadt Chicago vertreten. Politiker, der er halt ist, ließ er aber gleichzeitig verlauten, dass er den Cubs, dem Team der „Northside“ der Stadt, ebenfalls wohlgesinnt sei – für eingefleischte White-Sox-Fans undenkbar. Als die White Sox und die Cubs ausschieden, verkündete Obama auf einer Großkundgebung in Philadelphia, dass er nun ein Fan der Philadelphia Phillies sei. Dies sollte ihm wohl im politisch wichtigen Staat Pennsylvania zugutekommen.

Am glaubwürdigsten hat sich Obama sowieso dem Basketball verschrieben – einem Sport, der zu seinem betont coolen Stil passt, der ihm die Stimmen der jungen Wähler sichern soll. Aber in der Tat hat ihn der Sport geprägt. Als der zehnjährige Barack zur angesehenen Punahou Academy vor den Toren Honolulus kommt, sucht er nach einem Platz im Leben. Die Eltern haben sich früh getrennt, seine Großeltern mütterlicherseits können ihm seine Familie nicht ersetzen. Der Vater, den er nur von Erzählungen kennt, ist längst in sein Heimatland Kenia zurückgekehrt. Der Kontakt besteht allein aus Briefen und Präsenten. Ein Weihnachtsgeschenk ist ein Basketball. Er wurde Obamas liebstes Spielzeug, weil er damit wenigstens eine symbolische Beziehung zu seinem Vater herstellen konnte. Barry, wie er sich rufen ließ, wurde Mitglied einer legendären High-School-Truppe, der „Rat-ballers“. Sein Spitzname: „Barry O’Bomber“. 1979 gewann Punahou die Hawaii-Meisterschaft, und Obama avancierte zur inselweiten Attraktion. Als nahezu einziger Schwarzer stach Barry im Team besonders hervor. In seiner ersten Autobiografie „Dreams From My Father“ schreibt Obama, wie wichtig Basketball für ihn war. „Dort, wo man als Schwarzer nicht benachteiligt war, lernte ich meine engsten weißen Freunde kennen.“

Doch später, an der Columbia University, schaffte es der Politikwissenschaftstudent nicht ins Team. So wurde Obama zum „Dirty Barry“ und verlegte sich auf „Pickup Games“ – zügellose Spiele zwischen spontan gebildeten Teams in der Asphaltwüste der Großstadt; geprägt von brutalem Einsatz, deftigem Trash Talk und nicht wenigen Keilereien.

Das mit Abstand wichtigste Spiel sollte Obama erst Jahre später gewinnen. In einer Anwaltskanzlei in Chicago, wo er ein Volontariat absolvierte, lernte er Michelle Robinson kennen. Obama verliebte sich, doch seine Freundin forderte von ihm eine Art Test für ihre Beziehung – ein Basketballspiel. Barack sollte in einem Pickup Game gegen ihren älteren Bruder Craig bestehen, schließlich heißt eine Maxime der Basketballfamilie Robinson: Ob jemand charakterlich was taugt, erkennt man erst beim Infight auf dem Court. Nur war Craig Robinson nicht irgendwer, sondern einer der ruhmreichsten Spieler in der Geschichte der Universität Princeton. „Ich dachte, der Typ wird ein Loser sein, und das muss ich dann meiner Schwester sagen“, erinnert sich Robinson, der heute in Obamas Stab arbeitet. Doch er änderte seine Meinung: „Er war nicht eigensinnig, sondern ein Teamplayer. Aber auch kein Softie. Wenn ein Wurf frei war, nahm er ihn. Er spielte aggressiv, aber nicht wie ein Idiot. Und er suchte nicht dauernd Fouls.“ Er empfahl seiner Schwester die Heirat. 1992 gaben sich Barack und Michelle das Ja-Wort.

Gern wird in diesen Tagen diese Geschichte dem sportverrückten US-Publikum erzählt. Obama hat Basketball in seinem Wahlkampf implementiert: Wann immer ein Court seinen Weg kreuzte, was eher planmäßig als zufällig passierte, nahm er sich für ein paar Körbe Zeit. Die Welt hat schon viele US-Präsidenten erlebt, die ein inniges Verhältnis zum Sport hatten. Doch bei Obama war das Spiel mit dem Ball etwas, was es im besten Sinne sein kann: eine Lebensschule.

Andrei S. Markovits ist Sportsoziologe an der Universität Michigan. Nikolaus Panny berichtet für das „Sportmagazin“ und begleitet Obamas Wahlkampf.

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